Schreihälse

Thomas Paulwitz hat es schwerer als ich. Wenn ich nichts zu bloggen habe, dann lasse ich es einfach, wenn Paulwitz aber nichts zu sagen hat, dann hat er ein Problem, denn er muss wöchentlich eine Kolumne für die Junge Freiheit abliefern. In der jüngsten Ausgabe hat er sich Forschungsergebnisse einer Gruppe von Wissenschaftlern zum Spracherwerb vorgenommen. Er staunt, dass man die Sprache eines Kindes schon im ungeborenen Alter beeinflussen kann. Er lästert, da könne man ja pränatalen Fremdsprachenunterricht einführen, um noch früher noch mehr Englisch an das Kind zu bringen.

Komisch nur, dass es gar keine neue Erkenntnis ist, dass Kinder Sprache erlernen, bevor sie sprechen können – es ist altbekannt, dass Sprachverarbeitung der Sprachproduktion voraus geht. Neu an der fraglichen Studie ist etwas anderes, nämlich wie früh Kinder das Erlernte in ihre Äußerungen einbauen. Das scheint Paulwitz „übersehen“ zu haben, denn natürlich behaupten die Forscher auch gar nichts anderes:

Die Diskussion drehte sich in erster Linie um die Frage, wann sich aus einem „unkontrollierten Schrei“ das erste „Sprachprodukt“ entwickelt. „Die vorherrschende Meinung war bisher, dass Neugeborene nicht aktiv auf die Lautproduktion Einfluss nehmen können“, sagt Kathleen Wermke. Stattdessen galt die Überzeugung: Die Schreimelodie von Neugeborenen wird wie bei Affenjungen allein durch Aufbau und Abfallen des Atemdrucks bestimmt und ist nicht vom Gehirn beeinflusst. Diese Ansicht hat das Forscherteam jetzt widerlegt.

Scheinbar unkontrollierte Äußerungen beherzigen also schon die prosodischen Eigenschaften der jeweiligen Muttersprache.

Daraus können wir ablesen, wie eng wir mit unserer Sprache sind. Sprache ist keine beliebige, austauschbare Software, die auf der Hardware Mensch (auch Wetware genannt) läuft, sondern ist fest mit neuronalen Strukturen verknüpft, die sich beim Heranwachsenden erst herausbilden. Man muss Kindern auch nicht mit bestem Deutsch, fehlerfrei, kommen,  nicht direkt mit ihnen kommunizieren, von Anfang an wie ein Lehrer mit dem Schüler, damit diese die Sprache erlernen. Das ist für Sprachpflegefanatiker eine schöne Erkenntnis, denn es bedeutet, dass man den Deutschen das Deutsche nicht einfach so, mit ein paar Anglophilismen, austreiben kann.

2 Antworten

  1. Daß die Möglichkeit einer derartigen pränatalen muttersprachlichen Formung besteht, ist eine interessante Beobachtung, aber die tatsächliche Forschungslage, i. e., eine einzige Studie mit zum Teil mindestens unklaren Parametern, ist noch viel zu dünn, um daraus tatsächlich Thesen zu spinnen.

    Mark Libermann auf Language Log:

    So let’s sum up. This is a really interesting and suggestive study, which needs to be replicated to be entirely convincing.

    http://languagelog.ldc.upenn.edu/nll/?p=1869

    Cheers,
    J.

  2. Das stimmt natürlich. Es ist auch schon mehr auf dem Weg:

    Ob Neugeborene tatsächlich von Anfang an in ihrer Muttersprache schreien, wollen Wermke und ihre Mitarbeiter jetzt noch detaillierter untersuchen. Die dafür notwendigen Schreie haben sie bereits in anderen Ländern gesammelt. Die Auswertung hat gerade begonnen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: