Wie man richtig wählt

Wählen ist schwierig, scheinbar haben es bei der Europawahl knapp 60% wieder nicht hinbekommen. Da ist es gut, wenn man gesagt bekommt, wie es richtig funktioniert. Das geht am besten mit rhetorischen Tricks – die Wahlflyer, die man so bekommt, sind ja immer voll davon, zwei davon fand ich diesmal besonders beeindruckend. Da wäre einmal die FWG, die uns das Kreuzchen-Machen bei der rheinland-pfälzischen Kreistagswahl so erklärt:

Ganz wichtig: Kreuzen Sie hier die FWG an. Dann ist Ihr Stimmzettel gültig und sie verschenken keine Stimmen.

Wie man FWG wählt

Wie man FWG wählt

Die BfW, ein Verein, der auf lokaler Ebene antritt, sieht das anders:

So wählen Sie richtig ! Damit keine Ihrer Stimmen verloren geht, kreuzen Sie immer den Wahlvorschlag 4 „Bürger für Wörrstadt“ BfW e.V. an

Das sind doch mal klare Worte! Trotzdem schaffen es 60% nicht zur Europawahl Bundestagswahl-Beta-Version? Komisch.

Wie man BfW wählt

Wie man BfW wählt

Ebenfalls eine klare Empfehlung, wie man korrekt wählen kann bietet die Deutsche Sprachwelt in einer Untersuchung zur Sprachenpolitik der großen Parteien. Grob gesagt hat man sich die Wahlprogramme angeschaut und auf dieses Thema hin zusammengefasst. Das Ergebnis, aus der zugehörigen Mail der DSW:

Insgesamt schneidet das Programm der CSU am besten ab. Sie gewichte das Thema von allen Parteien am höchsten und verwende verständliche Formulierungen, die auf hohes Sachwissen schließen ließen. Außerdem entsprächen ihre Standpunkte den Vorstellungen der Sprachschützer am ehesten.

Methodologisch ist die Vorgehensweise etwas zweifelhaft – es werden die Wörter gezählt, die sich auf das Thema Sprache beziehen (gemeint ist: Wörter in Sätzen in Textabschnitten, die sich auf das Thema Sprache beziehen) und dann der prozentuale Anteil an der Gesamtzahl der Wörter errechnet. Das ergibt 3,56% für die CSU und nur 1,08% für die SPD, die damit am zweitschlechtesten abgeschnitten habe.

Dreieinhalb mal soviel? Stimmt natürlich nicht. Der Unterschied kommt dadurch zustande, dass das Wahlprogramm der CSU nur 4751 Wörter umfasst, das der SPD hingegen 8709. Vielleicht hätte man der DSW erzählen sollen, dass diese Zahlen sich natürlich auf die Prozentwerte auswirken. Trotzdem liegt die CSU (169) vor der SPD (94) – aber erstens nicht mehr so deutlich und zweitens hinter der FDP (258).

So oder so – Wörter zählen, um etwas über die Inhalte herauszufinden macht zwar Spaß (mir jedenfalls), ist aber wenig informativ, wenn man sie nicht liest. Das hat die DSW zwar getan, aber nicht richtig. In einer anderen Statistiken liest man, bei der CSU ginge es in den entsprechenden Abschnitten zu 100% um die Stärkung des Deutschen, bei der SPD hingegen nur zu 66%, wobei sich zusätzlich noch ein allgemeines Eintreten für Sprachenvielfalt finde, was bei der CSU fehle. Abgesehen davon, dass ich das als Qualitätskriterium irgendwie nicht so gut finde, stimmt es auch gar nicht. Der Abschnitt bei der SPD, der gemeint ist, liest sich so:

Um darüber hinaus Unternehmen, Gruppen der Zivilgesellschaft sowie Einzelpersonen die kulturelle, wirtschaftliche und politische Teilhabe an der Europäischen Union zu erleichtern, wollen wir der Förderung sprachlicher Bildung ein noch größeres Gewicht geben.

Bei der CSU findet sich folgender Satz:

Europa lebt aus dem Reichtum seiner Regionen, Völker und Kulturen und aus dem gegenseitigen geistigen und kulturellen Austausch.

Das ist natürlich etwas völlig anderes! Überhaupt, wenn man sich die Abschnitte, die die DSW aus den Programmen dieser beiden Parteien herausgesucht hat, dann merkt man schnell, dass SPD und CSU praktisch das Gleiche sagen und fordern. Lediglich die Forderung, Deutsch zur Arbeitssprache der EU zu machen, findet sich bei der CSU, nicht aber bei den Sozialdemokraten. Das ist kein großer Unterschied, zumal die Forderung in der Praxis ohnehin nicht besonders relevant ist, auch wenn Sprachnörgler das aus emotionalen Gründen gerne anders sehen.

Ganz schlecht schneidet hier der DSW-Interpretation zufolge die FDP ab, da sie nur 23,5% der Wörter in den Sätzen in den Textabschnitten zum untersuchten Thema der Stärkung des Deutschen widme, aber skandalöse 76,5% dem Eintreten für Fremdsprachen. Schaut man sich den FDP-Text an, sieht man sofort wieder, dass die vermeintlichen Unterschiede sich nur in den Zahlen wiederfinden, nicht im Text. Die Forderungen der CSU werden auch hier vorgebracht, sogar die nach dem Upgrade des Deutschen zur EU-Arbeitssprache. Welche Relevanz die unterschiedliche Gewichtung der Themen in Wörtern gemessen an der Gesamtwortanzahl haben soll, bleibt völlig im Dunkeln.

Immerhin, dass die SPD umständliche, lange Sätze verwendet, die CSU hingegen klare, kurze Sätze, das stimmt. Jedenfalls bezogen auf die von der DSW ausgewählten Textstellen bezogen. Schaut man sich das gesamte Programm der SPD an, sieht man schnell, dass die drei (!) Sätze kaum repräsentativ sind. Die Hobby-Statistiker von der Sprachwelt errechnen für die besagten drei Sätzelchen eine durchschnittliche Länge von 31,3 Wörtern, die CSU kommt demnach in ihren herausgesuchten Textabschnitten auf 16,9 Wörter. Ich habe das Ganze spaßeshalber für die jeweils erste Textseite beider Parteiprogramme durchgezogen und komme dabei auf folgendes Ergebnis: SPD 14,05 Wörter pro Satz, CSU 15%.

Eigentlich wollte ich jetzt schreiben, dass vom DSW-Fazit nur der letzte Satz übrig bleibe, also der, dass die CSU „den Vorstellungen der Sprachschützer am ehesten“ gerecht werde – aber angesichts meiner hochkomplizierten und von ehrenamtlichen Journalisten nicht nachzuvollziehenden Analyse erweist sich selbst das als zweifelhaft.

Statistik ist wie Wahlkampf – einfach alles so interpretieren, dass es passt!

8 Antworten

  1. Das wählen wird auch immer komplizierter.

    Vor allem weiß man bald nicht wen man überhaupt noch aus gewissensgründen wählen kann.

  2. Ein Sprachnörgel-Blog betreiben, aber dann nicht einmal so elementare, bedeutungsrelevante Dinge wie den Unterschied zwischen „scheinbar“ und „anscheinend“ kennen — ohweia, tut das weh.

  3. *gäääähn*

    Ihre Ahnungslosigkeit gepaart mit Ihrem belehrenden Auftreten ist die Existenzberechtigung für Blogs wie dieses. Gut, dass mich mal wieder jemand daran erinnert hat.

    ==> Dunning-Kruger-Effekt…

  4. Bitte verweisen Sie nicht am völlig verfehlten Platz auf wichtige sozialpsychologische Einsichten.

    Ich bin ein schlachterprobter Kämpfer GEGEN halbwissende sprachliche Oberlehrer und habe Sie für einen derselben Typen gehalten, der nun nicht einmal seinen eigenen Regeln gerecht wird. Daher die Bemerkung. Offenbar verfolgt dieses Blog aber die entgegengesetzte Absicht zu der, die ich Ihnen zuschrieb.

    Deshalb will ich meine Aussage zurückziehen. Bei jedem anderen als einem konservativen Sprachpräskriptivisten würde ich so etwas nie ansprechen, jedenfalls mit Sicherheit nicht, wenn ich weiß, was gemeint ist.

  5. (Ach so: Und vielleicht ringen Sie sich dann zu dem Urteil durch, dass mein erster Kommentar lediglich angemessen auf die von mir fälschlicherweise vermutete Geisteshaltung reagierte. Es ist nämlich kein belehrendes Auftreten, wenn man den Oberlehrer an seinen eigenen Maßstäben misst.)

  6. DKE habe ich nur erwähnt, weil das im Sprachlog kürzlich auftauchte und ich mutmaßte, dass Sie diesen Blog von dort aus gefunden haben.😉

    Und ja, der Name dieses Blogs ist vielleicht etwas irreführend. Der Inhalt aber eher nicht, hoffe ich zumindest.

  7. Ja, ich halte den Name des Blogs und den verkniffenen Gesichtsausdruck von Dagobert Duck da oben in der Tat für irreführend.

    Und beim alten Bremer Sprachlog war mal, wenn ich mich recht erinnere, ein Kommentator ziemlich aktiv gewesen, der sich offen „nörgler“ nannte und beim Stefanowitsch (gem. einer Aussage, die ich irgendwann einmal zufällig mitlas) fast Hausverbot bekommen hätte. Daran erinnerte mich der Blogtitel hier wohl auch ein wenig.

  8. Das ist natürlich Absicht und da nehme ich Missverständnisse auch in Kauf. Nur wenn man auch nach dem Lesen der Blogartikel noch der Meinung wäre, ich gehörte zur Sprachnörglerfraktion, würde ich mir ernsthaft Gedanken machen.

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