Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli

Die DiVa von der Weser

Die DiVa von der Weser

Sprachnörgler haben manchmal ein Image-Problem, dann nämlich, wenn sie in die deutschtümelnde oder gar politisch allzu rechte Ecke gedrängt werden. Vermutlich tut man ihnen damit unrecht, aber sie machen es einem auch nicht leicht. Thomas Paulwitz etwa, bekannt vor allem von der Deutschen Sprachwelt, mag Klischees sehr gerne oder hat einen sympathisch offensiven Humor.

Er kolumniert seit kurzem in der Jungen Freiheit, also dem Blatt, in dem Klischee-Deutschtümler am ehesten publizieren sollten, und natürlich tut er das über Sprache und deren vermeintliche Schutzbedürftigkeit. In seinem letzten Beitrag ging es ihm um einen Wanderweg, der das Pech hat, durch eine urteutonische Gegend zu führen – den Teutoburger Wald samt reichsgeschichtlich unbedeutender Peripherie. ZDF-Kunden wissen: Hier ist nun der zweite Sprachschützer-Fettnapf, der deutsche Freiheitskämpfer Arminius. Da darf sich Herr Paulwitz wirklich nicht beklagen.

Aber was stört ihn an dem Wanderweg? Die diesem Wanderweg zugehörige Gemeinde benannte denselben, wir ahnen es, mit einem Anglizismus. Nämlich dem Walk DiVa Walk heißt der Weg, eine Abkürzung für Dinosaurier-Varus-Walk (wie analysiert man eigentlich DiVa? Kurzwort?). Ausgerechnet hier, an diesem Ort! Das dachten sich auch die örtlichen sprachnörglerischen Hilfstruppen und warfen sich zur Ausführung eines umstürzlerischen Planes in die Wälder. Schreibt Herr Paulwitz:

„Wir schreiben das Jahr 2009. Ganz Deutschland ist von Amerikanismen und englischen Wortversatzstücken besetzt. Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Sprachfreunden bevölkertes Gebiet in der Nähe des historischen Schauplatzes der Varusschlacht hört nicht auf, den Spracheindringlingen Widerstand zu leisten.

So berichtete die Neue Osnabrücker Zeitung am 27. März geradezu entsetzt: ‚Ihre Aktion müssen die noch unbekannten Täter von langer Hand vorbereitet haben. Laut Mitteilung handelt es sich nämlich nicht um Spontan-Schmierereien mit Filzstiften oder Farbe, sondern um ‘offenbar am heimischen Computer‘ vorbereitete Aufkleber.‘

[…] Verteidiger der deutschen Sprache hatten auf dem über einhundert Kilometer langen Wanderweg ‚DiVa Walk‘ an mehr als vierzig Markierungen, Wandertafeln und Hinweisschildern das Wort ‚Walk‘ mit der deutschen Bezeichnung ‚Weg‘ überklebt.“

Woah! Da hätte sich Kaiser Augustus sicherlich sehr aufgeregt. Erst verstecken die Hinterwäldler Legionsadler, jetzt auch noch Hinweisschilder!

„Die Verteidiger des Deutschen sind unterdessen weiterhin unerkannt und flüchtig. Sicher haben sie sich in die Wälder zurückgezogen und hecken gerade ihre nächste Tat aus …“

Augustus würde zittern.

Die „Verteidiger des Deutschen“ bekommen aber auch Gegenwind, wie z.B. hier in der oben von Paulwitz zitierten Neuen Osnabrücker Zeitung:

„’Wer wandert, streitet nicht‘, konstatierte auch Günter Droste, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Osnabrücker Land, der über den Begriff des Walkens erhellende und überraschende Erklärungen lieferte. Etymologisch gesehen, sei nämlich das Walken ein durch und durch deutsches Wort. Im Althochdeutschen habe es den Vorgang des Knetens beschrieben, sei dann als Bezeichnung für die Tuchherstellung mit den Füßen, wie sie England mit seiner weit entwickelten Textilfertigung verbreitet war, benutzt worden, und habe von dort aus schließlich die heutige Bedeutung im Sinne von Wandern erhalten.“

Ob das so stimmt, kann ich nicht zweifelsfrei feststellen, ich tippe aber darauf, dass es nicht ganz korrekt ist. Vermutlich stammt die Info aus dem Wikipedia-Artikel zum Thema Walken und ist etwas durcheinandergeraten.

Mir liegen hier leider keine zitierfähigen Wörterbücher vor, aber diverse Internet-Ressourcen helfen uns weiter. Das Online Etymology Dictionary erzählt uns zum englischen Verb to walk folgendes:

O.E. wealcan „to toss, roll,“ and wealcian „to roll up, curl, muffle up,“ from P.Gmc. *welk- (cf. O.N. valka „to drag about,“ Dan. valke „to full,“ M.Du. walken „to knead, press, full,“ O.H.G. walchan „to knead,“ Ger. walken „to full“), perhaps ult. from PIE base *wel- „to turn, bend, twist, roll“ (see vulva).

(Das mit der Vulva ignorieren wir.) Das Verb lässt sich demnach auf’s altenglische wealcan zurückführen, und weiter ins rekonstruierte Proto-Germanische und Proto-Indo-Europäische. Das Germanische Wörterbuch von Gerhard Köbler nennt *walkan, das u.a. wandern bedeutet haben könnte. Wealcan ist also kein ausgewandertes althochdeutsches Wort, sondern hat gemeinsame Ahnen mit dem (althoch-)deutschen walken. Macht das das Wort Walk nun undeutsch? Keine Ahnung, ist mir aber auch egal. Viel interessanter sind vier andere Punkte:

1. Arminius sprach freilich kein Althochdeutsch und auch sonst nichts, was man irgendwie Deutsch nennen könnte, sondern, neben Latein, eine germanische Varietät, die wir Cheruskisch nennen könnten, wenn wir sie denn kennten. Kurz: Er sprach Germanisch und da ist Walk wohl nicht schlechter als es Weg wäre.

2. Arminius war bekanntlich Cherusker, Cherusker zählt man zu den Sachsen, und die Sachsen fanden sich teilweise auf dieser nebligen Insel in der Nordsee wieder, wo sie zusammen mit den Angeln eine neue Heimat fanden, fortan Angelsachsen genannt wurden und sozusagen den Grundstein für den britisch-amerikanischen Sprachimperialismus legten. Ob auch Erbgut aus dem Umfeld des „Verteidigers des Deutschen“ heute Englisch als Muttersprache spricht, wissen wir nicht, es sollte uns aber nicht sehr wundern.

3. Das Wörterbuch der Grimms kennt sogar noch das mittelhochdeutsche walken in der Bedeutung gehen:

2)) die bedeutunggehenscheint sich (wie im engl.) vereinzelt im mhd. eingestellt zu haben:

sô bin ich wider den schalken
vil selten dâ her gewalken.
ULRICH V. TÜRHEIM Willehalm 132b (nach LEXER 3, 653a);

das schaiden tett in baiden wee,
der tag kam einher walcken.
HÄTZLERIN 1, 23, 117.

Hätzlerin war mir bisher kein Begriff, aber wenn es sich auf diese Dame bezieht, stammt der letzte Beleg sogar aus fast schon neuer Zeit. Sprachnörgler sind doch sonst so unprogressiv, da könnte man doch noch ein paar Jahrhunderte zurückgehen, dann passt es wieder.

4. Google findet für „walken -christopher -kneten“ (das schließt Christopher Walken aus und reduziert Treffer für die andere Bedeutung von walken) immerhin 1380000 Treffer, bei denen es meistens um Nordic Walking oder die Sportart Gehen o.ä. geht. Man könnte also sagen, das Nomen sei schlicht vom deutschen Verb walken (ausgesprochen wie Englisch to walk in der Bedeutung von gehen) abgeleitet.

Freilich darf man den Namen DiVa Walk trotzdem doof finden und Herr Paulwitz soll seinen Spaß damit haben. Was ich ihm aber nicht durchgehen lassen mag ist sein letzter Absatz:

„Die Sprachpanscher sollten den Varusweg solange ablaufen, bis sie zu besserer Einsicht gelangen. Die vermissen wir jedoch bis heute. Bis zur Einweihung des ‚DiVa Walks‘ am 19. April wurden sämtliche Wegschilder wieder mit „Walk“-Aufklebern überklebt. Kosten: 1.500 Euro, Steuergelder natürlich.“

Sind es nicht vielleicht ihre sprachnörglerischen Laienguerillas, denen man die Steuergeldverschwendung vorwerfen sollte? Das rückt sie dann ab von Arminius, hin zu Varus. Der hat ja auch etwas veruntreut…

Heucheln Sie nicht, Herr Paulwitz. Und passen Sie zukünftig doch besser auf, mit wem sie sich einlassen. Wenn sie auf das folgende Video, das ich Ihnen widme, klicken…

… finden Sie in den Kommentaren folgende Anmerkung von einem gewissen DeutschlandDieTreue:

Man weiß nicht genau was passiert wäre, man kann nur spekulieren. Vielleicht hätte es dann auch nie ein Deutschland gegeben und die Römer hätten alle eroberten Völker romanisiert?
Unserer Sprache hätte es auf jedenfall nicht gut getan, wir haben ja jetzt schon so viele lat. Wörter in unserer Sprache.

Laden Sie den Mann doch mal auf ein Met ein und lassen Sie ihn einen Gastbeitrag für die DSW schreiben.

Eine Antwort

  1. Hallo,
    Man kann natürlich noch so geleert( Scherz!) darlegen, dass
    „walk“ irgenwie germanischen Ursprungs sei ( so wie jedes Jahr von interessierten bzw naiven Medien darauf verwiesen wird, „Halloween“ sei ursprünglich europäisch), an der Tatsache. dass diese Vokabeln genau deshalb verwendet werden, weil sie so(vermeintlich) modern klingen, kommt man, wenn man intellektuel redlich ist, natürlich nicht vorbei.
    Mit Tümelei hat das aber rein gar nichts zu tun – ich z.B. bin 1945 geboren, liebe die amerikanische Sprache und alles Amerikanische und trotzdem hasse ich diese Amerikanismen.

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