Völkerverständigung

Seltsames Land irgendwo im Süden

Seltsames Land irgendwo im Süden

Ob man die Rolle der Gabi Kunz extra in den gestrigen Tatort geschrieben hat, um etwas für die angeschlagenen Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland zu tun oder es sich um bloßen Zufall handelte, das weiß ich nicht. Aber so oder so spaltet der Auftritt von Sabine Timoteo die Zuschauer: Die einen freuen sich über das ulkige „Schwyzerdütsch“, die anderen wollen nichts verstanden haben. Wenn das ZDF in der Arminius-Dokumentation, die kürzlich lief, sich nicht auf die Nachstellung der Kloppereien beschränkt hätte, dann wüssten wir inzwischen alle, welche Tradition Missverständnisse zwischen beiden Völkern haben: Schon Arminius und Marbod waren sich spinnefeind.

Selbst die lobenden Worte der Kritiker, von Medien- wie Fanseite, sind noch Zeugen für diesen Graben, wenn sie die Ach-Laut-lastige Sprache von Frau Timoteo als „Schwyzwerdütsch“, „Schwyzerdeutsch“, „Schweizer Dialekt“ usw. bezeichnen. Denn natürlich war das kein Schweizerdeutsch, sondern allenfalls Schweizer Hochdeutsch oder der Versuch einer Schweizer Kommissarin, bundesdeutsches Hochdeutsch zu sprechen, vielleicht auch nur aufgesetztes Pseudo-Schweizer Hochdeutsch – behaupten zumindest zahlreiche Schweizer auf diversen Internetseiten (und in Zeitungen).

Hätte Sabine Timoteo einen schweizerdeutschen Dialekt gesprochen, hätte das wahrscheinlich ungefähr so geklungen (wenn man den Song öfter hintereinander hört, versteht man sogar als Nicht-Alemanne einen Teil des Textes):

Oder so:

Oder so ähnlich. Vor Jahren bin ich mal zufällig in einen Teamspeak-Channel auf einem deutschen Server gestolpert, in dem Schweizer Gamer unter sich waren. Ich musste erst nachfragen, um welche Sprache es sich denn handle, so unverständlich war deren Dialekt mir.

Das Wohlwollen für’s vermeintliche Schweizerdeutsche zeigt ein bisschen den bundesdeutschen Sprachchauvinismus – bundesdeutsches Hochdeutsch ist für uns synonym mit Hochdeutsch und alles andere sind mehr oder weniger exotische Dialekte. Dass es auch österreisches und eben schweizerisches Hochdeutsch gibt bleibt uns in der Regel verschlossen. Schuld daran ist wohl aber auch eine Begriffsverwirrung, die durch linguistische Maßstäbe auf der einen und politische Maßstäbe auf der anderen Seite zustande kommt. Hochdeutsch im linguistischen Sinne, als Schwester des Niederdeutschen, umfasst in der Tat alle (deutschen) Dialekte in der Schweiz und in Österreich. Wenn wir den Begriff verwenden, meinen wir allerdings meistens Standarddeutsch, und davon gibt es mindestens die drei oben genannten Varietäten, die sich an politischen Grenzen orientieren.

Die Herausbildung der bundesdeutschen Standardvarietät verdankt sich vor allem auch dem politischen Einigungsprozess des deutschen Sprachraumes. Wer da zu unterschiedlichen Zeitpunkten ausgestiegen ist, der hatte gute Chancen, einen eigenen Standard zu „entwickeln“, seien es der luxemburgische Dialekt oder eben die Hochsprachen der Alpenländer. Da passt es auch ins Bild, dass die Bayern die einzige bundesdeutsche Sprechergruppe sind, von denen mir bekannt ist, dass sie Sezessionspläne hegen. Damit sympathisiere ich nicht, denn dann würden wir zukünftig wohl auf hochgradig alberne Tatort-Folgen wie die gestrige verzichten müssen.

2 Antworten

  1. vielleicht auch nur aufgesetztes Pseudo-Schweizer Hochdeutsch – behaupten zumindest zahlreiche Schweizer auf diversen Internetseiten (und in Zeitungen).

    Entsprechendes habe ich auch von Schwaben schon gelegentlich gehört. Besonders viel Mühe scheint man sich mit den Dialekten nicht zu geben.

    Hochdeutsch im linguistischen Sinne, als Schwester des Niederdeutschen, umfasst in der Tat alle (deutschen) Dialekte in der Schweiz und in Österreich.

    Japp, OK. Aber man muß wohl zugeben, daß der sprachwissenschaftliche Fachbegriff „Hochdeutsch“ neben dem umgangssprachlichen Begriff „Hochdeutsch“ i.S.v. „Standarddeutsch“ nicht mehr ist, als eine Marginalie. Als Ursprung von Verwirrungen kommt dieser Unterschied meiner Ansicht nach kaum in Frage.

  2. Echtes Schwyzerdütsch wäre einem bundesdeutschen Standardsprecher ungefähr so verständlich gewesen wie das Holländische, das ja auch ein entfernter Verwandter des Deutschen ist.

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