Saksan kieli rappeutuu, suomen kieli elää

Suomi. Bildquelle: Wikipedia

Suomi. Bildquelle: Wikipedia

Wenn ich auf Zeitungsartikel verweise, beinhaltet das meistens kein Lob, sondern viel Nörgelei meinerseits. Diesmal will ich aber einen Artikel verlinken, der mir gut gefällt und zu dem ich eigentlich gar nicht viel sagen müsste. Der Tagesspiegel hat sich an der TU Berlin unter Finnisch-Lernern umgehört und berichtet über die „Geheimsprache“ aus dem Norden. Das finde ich löblich, weil Finnisch meine europäische Lieblingssprache ist, auch wenn ich über Grundkenntnisse hinausgehend nichts mehr beherrsche.

Dabei kann ich der im Artikel interviewten Janna beipflichten: So schwer ist Finnisch gar nicht. Es ist nur so verteufelt fremd. Irgendwie haben es die Proto-Finnen geschafft, den Indo-Europäern ein Stück Europa abzutrotzen und trotz ewig langer Abhängigkeit von benachbarten Großmächten ihre Sprache zu bewahren. Neben den beim Tagesspiegel Erwähnten, haben das noch ein paar kleinere Sprechergruppen hinbekommen, zum einen andere Finno-Ugrisch-Sprecher wie die des Karelischen oder der Sami-Sprachen, zum anderen die noch ulkigeren Basken, die wahrscheinlich die Nachfahren des gallischen Dorfes der Vorzeit Europas sind.

Dementsprechend sind die Unterschiede im Lexikon zu den indo-europäischen Sprachen sehr groß – und zwar gerade in den Bereichen, in denen sich letztere am meisten ähneln. Bruder, brother, frater, phrater, frère – Finnisch: veli. Es fällt zumindest mir extrem schwer, mir diese Vokabeln langfristig zu merken, ohne die Sprache regelmäßig verwenden zu können. Einfacher ist es mit den zahlreichen Lehnwörtern, vor allem aus dem Schwedischen (z.B. kuningas). Übrigens: trotz haufenweise  Schwedizismen ist das Finnische, soweit ich sagen kann, noch ziemlich Finnisch.

Eine andere Beobachtung aus dem Artikel teile ich auch: Finnisch ist beliebt, aber kaum einer hält lange durch. Neben Berlin ist Mainz einer der vergleichsweise wenigen Orte, an denen man die Sprache lernen kann. Im ersten Kurs waren bestimmt 15-20 Lernwillige, im vierten Kurs waren wir noch zu viert, wobei zwei von Vieren die Sprache schon vor den Kursen ganz ordentlich beherrschten. Ein wenig Masochismus gehört also schon dazu.

In zwei Punkten stimme ich mit dem Artikel dann aber doch nicht überein:

„Immerhin sei für Deutsche die Aussprache aber einfach: ‚Man spricht’s so, wie man’s schreibt.'“

Das stimmt so halb, was daran liegt, dass die finnische Schriftsprache noch vergleichsweise jung ist und ihr Erschaffer Mikael Agricola sich dankenswerterweise (nicht ausschließlich, aber doch deutlich) an der Schriftsprache seiner Lehrer orientiert hat – unter diesen ein gewisser Martin Luther. Trotzdem hat das Finnische seine Eigenheiten, vor allem die Doppelkonsonanten, die nicht wie im Deutschen lediglich ein Längezeichen für den vorstehenden Vokal sind, sondern tatsächlich doppelt ausgesprochen werden (eigentlich „lang“, aber „lange Plosive“ sind so eine Sache…).

Das klingt einfach, zumal es ja wirklich Aussprache „wie man’s schreibt“ ist, ist aber gar nicht so einfach umzusetzen, zumal die Plosive im Finnischen nicht behaucht werden, was man deutlich hört. Dummerweise ist diese Eigenheit der Aussprache auch noch bedeutungsunterscheidend: kyllä ja; kylä Dorf. Wenn man sich da als Deutscher soviel Mühe gibt wie mit dem englischen th, dann hat der Finne beim Zuhören wahrscheinlich viel Spaß.

Der andere Punkt, den man relativieren muss, ist die berüchtigte Sache mit den vielen Kasus:

„Ellenlange Wörter, Doppelkonsonanten und ungefähr 14 Fälle“

Das klingt fies, ist aber weitgehend unproblematisch. Allein 6 Kasus sind Lokalkasus, ersetzen also kurz gesagt die deutschen Präpositionen. Sieht ulkig aus, ist aber nicht weiter schwierig:
Mainzissa – in Mainz
Mainzista – aus Mainz
Mainziin – nach Mainz
Mainzilla – bei/nahe Mainz
Mainzilta – von Mainz weg
(Meenzerisch: weschzus)
Mainzille – nach Mainz hin
(Meenzerisch: hinzus)

Also halb so wild, auch wenn die Lokalkasus sich oft nicht 1:1 in deutsche Präpositionen verwandeln lassen. Bsp: minä pidän sinustaich mag dich (geliebt wird hingegen im Partitiv).  Weitere Fälle haben einen sehr kleinen Verwendungsbereich. Der Abessiv kennzeichnet, man errät es, die Abwesenheit von etwas: etwa jumalatta ohne Gott. An diesem Beispiel sieht man gut, wie unspektakulär die 14 Fälle eigentlich sind, schließlich haben wir im Deutschen ähnliche Möglichkeiten: gottlos, zweifelsohne, etc.

Letztlich bleiben Nominativ, Genitiv, Akkusativ und Partitiv. Das macht vier Kasus, soviel wie im Deutschen. Freilich ist das Deklinieren im Finnischen entschieden schwieriger als im Deutschen. Dennoch: so schlimm, wie es klingt, ist das Erlernen der finnischen Sprache nicht. Ich kann jedem, der die Möglichkeit hat, nur empfehlen, Finnischkurse zu belegen. Aus linguistischer Sicht ist eine nicht-europäische Sprache als Ergänzung zu einer indo-europäischen Muttersprache wesentlich fruchtbarer als Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Geschwister anzuhäufen, einfach, weil man so viel deutlicher sieht, was Sprachen alles können und wie willkürlich Grammatik und Lexikon des Deutschen letztlich sind. Das bewahrt einen vor der Dichter-und-Denker-Hybris.

Da das Musikvideo letztens gut ankam, und fremde Sprachen am spannendsten sind, wenn man sie hört (finde ich jedenfalls), hänge ich mal drei Videos an. Das erste ist ein schöner Song mit einem genialen Video der finnischen Rockgötter Apulanta, die Nummer heißt Jumala (wer aufgepasst hat, kann das übersetzen).

Bekannter sind die Durchgeknallten von Eläkeläiset:

Einblicke ins finnische Taxiwesen liefert Jim Jarmusch in Night on Earth:

Auch nahelegen möchte ich Finnland-Interessierten die Bücher von Arto Paasilinna, die glücklicherweise nach und nach ins Deutsche übertragen werden. Besonders „Das Jahr des Hasen“ und „Der Sommer der lachenden Kühe“.

11 Antworten

  1. Nun, das klingt ja doch deutlich weniger demotivierend als bisher vielerorts gelesen …

    Hast Du zufälligerweise Links zu Seiten, auf denen man sich Grundkenntnisse aneignen könnte?

  2. Was mir beim Lernen enorme Schwierigkeiten gemacht hat, ist die durch Suffixe und Präfixe erzeugte Kompaktheit der Sprache (worin sie mich enorm ans Althebräische erinnert; da gibt’s allerdings auch noch Infixe). Das führt bei mir dazu, dass ich bei einzelnen Wörtern lange brauche, um die wieder auseinanderzubauen, was den Sprach- und Lesefluss deutlich verlangsamt. Und für Touristen ist es die Pest: Wenn man nach Ruovesi will, steht auf den Wegweisern mitnichten „Ruovesi“ sondern „Ruovedelle“ (nach Ruovesi). Bei uns wären das zwei Orte…

  3. Wobei sich das Finnische da noch in Grenzen hält, meistens hat man nur ein Suffix, nicht mehrere. Laaange Wörter gehen zwar auch, erinnern aber oft mehr an die berüchtigten deutschen Komposita, die ewig lang sind, die aber niemals jemals verwenden würde.
    Was es nervig macht, da gebe ich Ihnen Recht, sind die Veränderungen des Wortstammes oder dessen, was man für den Wortstamm hält. Ihr Ruovesi verhält sich augenscheinlich wie vesi – Wasser. Solche Phänomene finde ich besonders bei unbekannten Vokabeln schwierig, noch mehr bei Eigennamen. Wenn man’s dann aber mal drin hat, fällt man so schnell nicht mehr drauf rein (z.B. bei Turu- ).

    @ajku
    Hmm, ich fürchte, da muss ich passen. Habe natürlich schon öfter nach Online-Ressourcen gesucht, aber nicht wirklich was gefunden. Am ehesten ist noch das hier interessant (die Lektionen mit dem blauen Symbol davor sind Grammatik-Themen, die sollte man sich früh anschauen – leider ist die Seite in dieser Hinsicht recht unsystematisch).
    Auch mit Lehrbüchern sieht es nicht gut aus. Wir haben in unseren Kursen das von Leila White verwendet, das fand ich in Ordnung. Hat aber auch keine bombastisch guten Kritiken und ist sehr teuer. Zum Selbstlernen verwende ich das Praktische Lehrbuch von Langenscheidt. Das leidet leider unter den typischen (Langenscheidt-)Lehrbuchproblemen: es ist veraltet und hat mit der Umgangssprache wenig zu tun. Trotzdem ist es sehr empfehlenswert, um sich die Grundzüge der finnischen (Schrift-)Sprache zu erarbeiten, zumal es für rund 20€ zu haben ist. Dazu noch das kleine Wörterbuch von Langenscheidt und einer groben Übersetzung von Liedtexten steht nichts mehr im Weg.
    Sprachkurse schlägt aber nichts!🙂

  4. Danke für die Hinweise!

  5. Das Finnische wirkt ziemlich „finnisch“, weil es eine ganze Menge Lehnübersetzungen gibt, bei denen man ohne Kenntnisse der Einzelteile natürlich nicht weiß, daß sie nur Lehnübersetzungen sind. Wenn man weiter fortschreitet und irgendwann einen Grundstamm an Vokabelkenntnissen hat, wird es irgendwann einfacher, weil man bei vielen Komposita einfach nur die Einzelteile kennen muß und diese direkt übersetzen kann. Die Lehnübersetzungen stammen nämlich zu einem sehr großen Teil aus dem Schwedischen, und dort lauten sie oft genau so wie im Deutschen.

    Ein Beispiel ist kilpikonna, die Schildkröte. Kilpi heißt Schild, konna heißt Frosch/Kröte.

    Außerdem ist schon für sich genommen die Kompositabildung sehr ähnlich, weshalb man im Prinzip, wenn man ein Wort nicht kennt, es in vielleicht 70% der Fälle reicht, die Einzelteile zu übersetzen:
    Plattfuß? Flach/platt heißt lattea (sieht man zum Beispiel auch bei lattia ’Fußboden’), Fuß heißt jalka, Plattfuß also … etwas umarbeiten: lattajalka!

  6. @ralf
    Hat jetzt nicht soviel mit dem Thema zu tun, aber trotzdem danke für den amüsanten Link.😉

    @Jens
    Wobei dein beispiel ja nun nichts mit Lehnübersetzungen zu tun hat. Was Komposita im Allgemeinen angeht, stimme ich dir aber zu, wenn man genug Einzelteile kennt, sind auch die zusammengesetzten Formen kein so großes Hindernis mehr.

  7. Nicht? kilpikonna stammt von schwedisch sköldpadda, es wurden einfach beide Teile übersetzt. Sowas ist eine Lehnübersetzung. Natürlich nicht aus dem Deutschen – da dieses aber dem Schwedischen recht nah ist, kann man sowas sehr oft 1:1 übertrage.

  8. vor allem aus dem Schwedischen (z.B. kuningas).

    Das ist nicht Schwedisch, das ist Proto-Germanisch. Deswegen ist das -as hinten noch drauf.

    Lange Plosive hält man einfach länger, bevor man sie loslässt. Worüber ich stolpern würde, ist, dass lange Vokale und lange Konsonanten in zufälliger Reihenfolge vorkommen und lange Vokale nicht automatisch betont sind.

  9. Das bezog sich auch nicht auf’s Schwedische, sondern auf’s Finnische – kuningas ist Finnisch. Wann es genau entlehnt wurde weiß ich freilich nicht, aber aus dem Proto-Germanischen wird es eher nicht stammen.🙂

  10. Falk: Schönen Dank für deinen Artikel, ich fand’s sehr interessant. Es fällt mir immer schwer vorzustellen, wie es Finnisch als Fremdsprache zu lernen wohl ist… aber ich kann eins sagen, für Muttersprachlern ist es auch nicht immer einfach!😉

    Ich würde behaupten, dass Finnisch tatsächlich so ausgesprochen wird, wie man es schreibt – wenn man weißt, wie die einzelnen Buchstaben auf Finnisch ausgesprochen werden, und wie man die Wörter auf Finnisch betont🙂

    Es gibt aber zwei wichtige Ausnahmen: die sogenannte äng-Laute (velarer Nasal) z.B. in Wörtern kenkä, kengän, magneetti [„keng-kä“, „keng-gän“, „mang-neetti“] und glottaaliklusiivi (stimmloser glottaler Plosiv), der keinen eigenen Buchstaben hat (von dieser Laute wissen die meisten Finnen selbst nicht, obwohl sie die automatisch benutzen, wie Zum Beispiel im Wort „hernekeitto“ [„herne(k)keitto“]).

    Über die Lehnwortern:
    Die meisten Lehnwörtern werden oft sehr nah ins Finnische umgewandelt. Z.B. Lehnworter wie „psykologia“, „grilli“ und „prisma“ können die älteren Finnen nicht richtig ausprechen. Warum? Weil kein ursprüngliches finnische Wort mit zwei Vokalen anfangen könnte – deshalb hört man oft „sykologia“, „rilli“ und „risma“. Die jüngeren Finnen, die Fremdsprachen gelernt haben, können solche Wörter richtig aussprechen, tun es aber nicht immer – manchmal aus Spaß, manchmal wegen Dialektunterschieden.

    Über Finnische wird oft behauptet, dass die Sprache ein „linguistischer Kühlschrank“ sei, weil in Finnische sind manche Lehnworter besser in dem ursprünglichen Form geblieben, als in der Sprache, woher das Wort gelehnt wurde. Anscheinend ändert Finnisch sich nicht so schnell, sondern bleibt – wie Falk schon erwähnte – „noch ziemlich Finnisch“. Und obwohl Finnisch heutzutage auch von Anglizismen geprägt worden ist, ist meiner Meinung nach dieses Phänomen in Deutschland wesentlich häufiger als in Finnland.

    Also, ich wünsche an allen, die Finnisch lernen, viel Spaß und Erfolg dabei! (Wenn eine Finnin wie ich Deutsch lernen konnte, dann sollte es auch andersrum klappen, oder?)🙂

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