Wirklich gefährdete Sprachen

Echte Sprachschützer?

Echte Sprachschützer?

Morgen am frühen Mittag wird die UNESCO in Paris die dritte Auflage des Weltatlas für bedrohte Sprachen vorstellen. Das Besondere daran ist der Umstand, dass dieser Atlas ungekürzt online zur Verfügung stehen soll. Damit könnten dann die ganzen deutschen Sprachuntergangspropheten nachschauen, was es wirklich heißt, wenn eine Sprache ausstirbt und an welchen Indikatoren man erkennen kann, wann so etwas passiert und wann nicht. Deswegen will ich hiermit empfehlen, morgen auf diesen Link zu klicken.

So ganz koscher ist mir das Projekt aber auch nicht, genauer gesagt, die Begründung, mit der der Sprachenschutz betrieben wird (Frage 3):

„Every language reflects a unique world-view with its own value systems, philosophy and particular cultural features. The extinction of a language results in the irrecoverable loss of unique cultural knowledge embodied in it for centuries, including historical, spiritual and ecological knowledge that may be essential for the survival of not only its speakers, but also countless others.“

Das erinnert stark an den Eskimo-Schnee-Fehlschluss, der besagt, dass man kulturelle Eigenschaften einer Population an ihrer Sprache ablesen könne. Diese Möglichkeit bietet ja augenscheinlich das Lexikon, was hauptsächlich beim historischen Vergleich zu nennenswerten Ergebnissen führt – fehlende Vokabeln in einer Protosprache können Hinweise auf die zeitliche wie räumliche Verortung der Sprechergruppe geben und uns einen Teil ihrer kulturellen Errungenschaften erschließen. Das sind aber freilich schon wieder Inhalte, es ist nicht die Sprache selbst – Signifikat, nicht Signifikant. Und die Inhalte ließen sich auch auf Englisch oder Japanisch weitergeben.

Darum geht es der UNESCO hier offensichtlich nicht, sondern tatsächlich um die Struktur der fraglichen Sprachen. Wie aber können sprachliche Strukturen eine Kultur, ein einzigartiges Weltbild, ein Wertesystem und eine Philosophie „reflektieren“? Wie kann „Wissen“ in sprachlichen Strukturen liegen, „embodied“ sein in einer Sprache? Eine sympathischere Begründung findet sich an anderer Stelle:

„Every time a language dies, we have less evidence for understanding patterns in the structure and function of human language […]“

Ein guter Grund für die Rettung oder wenigstens Dokumentation gefährdeter Sprachen ist wissenschaftliche Neugier, die Hoffnung, die größeren Fragen der (Psycho-)Linguistik mithilfe möglichst breiter Datengrundlage beantworten oder besser verstehen zu können. Das ist meines Erachtens Grund genug!

Update:
Der Atlas listet für den deutschen Sprachraum 13 mehr oder weniger gefährdete „Sprachen“: Sorbisch, Romani, Jiddisch, Niederdeutsch,  Dänisch (Südjütisch), Friesisch (Saterlandic und Nordfriesisch) sowie die Dialektfamilien Rhein-Fränkisch, Alemannisch, Ostfränkisch und Bairisch, und irgendwo zwischen Sprache und Dialekt das Limburgische und Luxemburgische (aus linguistischer Sicht ist es meines Erachtens eindeutig ein Dialekt, aus politischer Sicht eine Sprache). Welche Definition von Sprache die UNESCO ihrem Atlas auch immer zugrunde legt (für Hinweise bin ich dankbar…), vermeintliche deutsche Sprachschützer würden sicherlich mehr leisten, wenn sie statt apokalyptischer Visionen Gedichte auf Jiddisch oder Hessisch verfassen würden.

5 Antworten

  1. Ich sehe das etwas anders. Meiner Meinung nach kann man anhand des ersten UNESCO-Zitats nicht gleich auf die berühmt-berüchtigten 20 Schneesorten der Inuit schließen. Mit „unique cultural knowledge“ dürfte die UNESCO wohl mehr auf mündliche oder schriftliche Überlieferungen, Legenden, Märchen, Lieder, Gedichte usw. anspielen, wenngleich „ecological knowledge“ in diesem Kontext in der Tat etwas deplatziert wirkt. Vielleicht wäre „heritage“ unmissverständlicher gewesen als „knowledge“. Wissen kann man von einer Sprache in eine andere übertragen, Tradition, Kultur, Identität nicht. Letztlich ist jede Sprache selbst auch ein Bestandteil der Kultur ihrer Sprecher. Der Untergang einer Sprache kommt damit dem Untergang einer Kultur gleich. Dass die UNESCO vordergründig von wissenschaftlicher Neugier getrieben wird, wage ich daher zu bezweifeln. Ich denke, hier geht es wirklich mehr um die Bewahrung von Kulturgut, aber da mag man freilich geteilter Meinung sein.

    Nicht vergessen sollten man, dass der Verlust einer Sprache oft auch mit einem Verlust traditioneller Kultur und Identität einhergeht, und mit kulturspezifischen Realia verschwindet auch das zugehörige Sprachgut – im besten Falle wird es folklorisiert. Darin sehe ich übrigens eine besondere Gefahr: Dass Altes vergeht und Neues entsteht, ist eine Binsenweisheit. Wer daher meint, die Attraktivität von Sprachen, die ohnehin fast nur noch von Älteren gesprochen werden, durch die Neuauflage von Volksliedwettbewerben auch für Jüngere zu steigern, der irrt gewaltig. Mit Nostalgik rettet man keine Sprache. Viel wichtiger ist, den aussterbenden Sprachen eine Zukunftsperspektive zu geben, indem man Neues erschafft – und hier stimmte ich dir vollkommen zu: Ein frischer Gedichtband auf Jiddisch hilft dieser schönen Sprache sicher mehr als dünkelhafter Sprachpurismus und -protektionismus (oder ein rührseliger Klezmer-Abend mit Liedern aus dem Stetl).

    Zum Problem Sprache vs. Dialekt: Wieso fragst du einerseits so provokant nach den UNESCO-Kriterien für „Sprache“, bist dir aber andererseits so „eindeutig“ sicher, dass Luxemburgisch linguistisch ein Dialekt ist? Meiner Meinung nach ist die Frage „Sprache oder Dialekt?“ IMMER eine politische Frage. Zumindest sollte es nicht Aufgabe der Sprachwissenschaft sein, Idiome solchen politisch, kulturell und gesellschaftlich aufgeladenen Kategorien zuzuordnen, denn meines Erachtens hat „Dialekt“ zumindest in weiten Teilen Deutschlands fast immer eine mehr oder weniger geringschätzende Konnotation.

  2. Dass die Frage nach Sprache oder Dialekt immer politisch sei, halte ich für unplausibel – dann könnte man alle Sprachen zu Dialekten von Proto-World erklären oder dergleichen. Natürlich ist es nicht eindeutig, welche Kriterien man aus linguistischer Sicht anlegen sollte, um diese Frage zu beantworten, aber meistens läuft das über die gegenseitige Verständlichkeit. Und da das Luxemburgische zu einem hochdeutschen Dialekt-Kontinuum gehört, ist es nach diesem Maßstab plausibel, es als deutschen Dialekt einzuordnen.

    Zu Kultur und Sprache zwei Punkte:
    1. Dass mit der Sprache auch eine Kultur untergehe, ist ja eben die These, die ich bestreiten möchte. Es geht ein kultureller Aspekt, ein Teil einer Kultur verloren, eben die Sprache selbst, aber Kultur lässt sich doch nicht auf Sprache reduzieren.
    Wenn die schlimmsten Befürchtungen der Sprachnörgler wahr würden und wir das Deutsche zugunsten des Englischen völlig aufgeben würden, dann wären wir deswegen nicht gleich Festlandengländer. Dass hier eine Sprechergruppe die Sprache einer anderen Sprechergruppe übernähme, ohne sich völlig zu assimilieren wäre nichts Neues (mir fallen spontan z.B. afrikanische „Pygmies“ ein).

    2. Das ist der eigentlich wichtige Punkt: Selbst wenn wir annehmen, dass du richtig liegst, ist das Pochen auf Sprachenschutz ein non sequitur. Es verlagert die Frage bloß: Warum sollten wir eine Kultur schützen? Da fehlt noch ein Argument! (Ich behaupte nicht, dass es keines gibt, aber bei der UNESCO habe ich keines gefunden.)

  3. Um das Missverständnis gleich zu aufzuklären: Ich bestreite gar nicht, dass einander völlig unverständliche Idiome, sagen wir Deutsch und Russisch, unterschiedliche Sprachen sind. So war meine Aussage, die Unterscheidung sei immer politisch motiviert, nicht gemeint. Vielmehr habe ich einander mehr oder weniger ähnliche Idiome impliziert. Als Beispiel hattest du ja das Luxemburgische angeführt. Nur welche Variante eines Dialektkontinuums wir zum Standard erklären (und damit alle anderen zum „Dialekt“ degradieren), ist eine politische Entscheidung und damit willkürlich. Die hochalemannischen Dialekte der Schweiz oder das Niederdeutsche sind für Sprecher des Standard-Hochdeutschen weitestgehend unverständlich. Hier könnte also durchaus dein Argument der Abstandsprache greifen. Dennoch ist mir nicht bekannt, dass irgendjemand die schweizerdeutschen Dialekte einzeln oder in ihrer Gesamtheit als Einzelsprache anerkannen würde (bei Niederdeutsch sieht das schon anders aus). Warum eigentlich nicht? Tschechisch und Slowakisch, Schwedisch, Norwegisch und Dänisch, Bulgarisch und Mazedonisch sind einander ähnlicher als so manche deutschen „Dialekte“. Die genannten Beispiele liegen alle in einem Dialektkontinuum. Nur sind eben alle Nationalsprachen mit einer eigenen Schrifttradition. Das Deutsche umfasst so viele und unterschiedliche Dialektgruppen und Einzeldialekte, dass mitunter eine Kommunikation schwierig oder gar unmöglich ist. Zugegeben – das Luxemburgische ist vielleicht nicht das beste Beispiel dafür, aber es gibt genügend andere. Die Schweizer Dialekte und Niederdeutsch habe ich bereits genannt.

    Nun zu deinem Punkt 1.: Ich habe gar nicht behauptet, dass mit einer Sprache zwangsläufig gleich die ganze Kultur der Sprecher zugrundegeht, aber wenn ein Teil der Kultur (und Sprache ist für mich einer der wichtigsten Bestandteile menschlicher Kultur überhaupt; nur wenige Elemente verfügen über eine so hohe identitätsstiftende Wirkung) untergeht, ist das doch nicht weniger unschön. Gäben die Deutschen ihre Sprache auf, gäbe es eben eine unter vielen englischsprachigen Kulturen mehr. Eine „deutsche Kultur“, wenn man das so nennen will, gäbe es dann immer noch, aber eben keine deutschsprachige Kultur mehr. Das ist dein Argument, und ich teile es. Meine Ansicht ist aber auch, dass Sprache einer der wichtigsten Schlüssel zur Kultur ist. Nehmen wir mal an, es entstünde eine Art „German English“, das sicherlich jede Menge Elemente des deutschen Substrats bewahren würde – trotzdem könnten wir deutsche Literatur nur noch in der Übersetzung verstehen. Nicht so schlimm, könnte man meinen, denn allen anderen Menschen, die kein Deutsch sprechen, geht es doch jetzt schon nicht anders. Und damit zur Frage, warum überhaupt Sprachen und Kulturen schützen? Ich nehme mir die Freiheit, einfach mal ganz provokant zu behaupten, Kulturen und Sprachen sind schützenswert, sobald es jemanden gibt, der sie für schützenswert hält, aus welchen Gründen auch immer. Im Grunde genommen ist die Vielzahl der Kulturen und Sprachen ein überflüssiger Luxus. Ohne Kultur- und Sprachbarrieren könnte z. B. Wissenstransfer viel schneller und reibungsloser vonstatten gehen als bisher. Und trotzdem gibt es Menschen, die das Aussterben einer Sprache als Verlust empfinden, und solange das so ist, haben diese Menschen auch einen „Grund“, die betreffende Sprache zu schützen. Warum hat nun die UNESCO ein Interesse daran, Sprachen zu schützen? Ich kann es nicht genau beantworten, aber vielleicht aus denselben Gründen heraus, aus denen sie auch historische Bauwerke unter ihre Fittiche nimmt. Tatsache ist, dass vielen Menschen Vielfalt (in diesem Falle sprachliche Vielfalt) als Bereicherung empfinden. Das mag dir als Begründung nicht genügen. Mir schon.

  4. „Die hochalemannischen Dialekte der Schweiz oder das Niederdeutsche sind für Sprecher des Standard-Hochdeutschen weitestgehend unverständlich.“

    Das ist nicht der Punkt. Unverständlichkeit alleine macht noch keine Sprache. Wenn du einen Stammbaum zeichnest, dann werden die schweizerdeutschen Dialekte als Teil des Alemannischen mit dem Oberdeutschen und dann dem Hochdeutschen verknüpft sein, das Niederdeutsche hingegen nicht. Das Luxemburgische wird über das Mitteldeutsche ebenfalls mit dem Hochdeutschen verknüpft sein. Diese Verwandschaftsverhältnisse sind linguistische Verhältnisse, keine politischen. Dass man das Hochdeutsche als Standardsprache bezeichnet und die Begriffe sogar synonym verwendet ist eine politische (vll. eher politisch-kulturell-historische) Konvention.
    Die Frage, welchen Knotenpunkt in diesen Bäumen man als Sprache definiert und alles darunter als Dialekt bezeichnet, ist auch eine solche Konvention, daher meine Bemerkung, dass man genausogut alle Sprachen als Dialekte von proto-World bezeichnen könnte. Da solche Willkürlichkeit aber wenig erkenntnisfördernd wäre, ist Konsequenz ein guter Maßstab: wenn wir das Luxemburgische als Sprache bezeichnen (im linguistischen Sinne), dann müssten wir alle Dialekte, die im Stammbaum auf demselben Level liegen, ebenfalls als Sprachen bezeichnen. Und das wollen wir nicht, es wäre nicht zweckmäßig. Rein über politische Unterscheidungen zu gehen wäre ebenfalls ungünstig, denn dann müssten wir Österreich, der deutschsprachigen Schweiz und Liechtenstein (und anderen deutschsprachigen Bevölkerungen) ebenfalls eigene Sprachen zugestehen, was uns in der Linguistik, etwa ind er Dialektforschung, wieder in die Bredouille bringen würde.

    Zum anderen Punkt:

    „Ich habe gar nicht behauptet, dass mit einer Sprache zwangsläufig gleich die ganze Kultur der Sprecher zugrundegeht […]“

    Doch, hast du, wenn auch vielleicht unbeabsichtigt:

    „Der Untergang einer Sprache kommt damit dem Untergang einer Kultur gleich.“ (aus deinem ersten Kommentar)

    Dein Argument zum Sprachen- und Kulturschutz ist ja in Wirklichkeit keines – es ist bloß eine ästhetische Rechtfertigung, es sagt aus, dass manche Menschen Kulturen und Sprachen schützen wollen, weil sie deren Aussterben unschön finden. Es liefert uns aber eben keinen Hinweis darauf, warum man Sprachen schützen sollte, nur warum man Sprachen schützen wollen kann. Das ist eine schwache Position – nicht wertend gemeint, sondern in Kontrast zu der zweiten Position:
    Sprach- und Kulturschützer wollen diesen Schutz aber meistens als Imperativ verstanden wissen (ich meine, das Wort hätte ich auch bei der UNESCO gelesen). Das ist eine viel stärkere Position.

  5. Was, nur ein Sorbisch? Nicht zwei (Ober- und Nieder-)?

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