Bush, Obama und die Pronomen – Inauguration Teil 1

Nun, da sich der Rauch einigermaßen verzogen hat und die Emotionseruption in Washington seit einer Weile vorbei ist, dachte ich mir, könnte man sich Obamas Antrittsrede genauer anschauen. Sie „wirkt wie ein Zeitenwechsel“ (Spiegel Online), inhaltlich wie rhetorisch – über den neuen Ansatz des Präsidenten konnte und kann man viel lesen. Umarmen will er, nicht ausgrenzen. Klappt schon mal: Er erwähnt häufig non-believers in seinen Reden. Aber natürlich will Obama ganz allgemein etwas „verändern“. In der Antrittsrede wimmelt es also von change, oder?obamacloud

Wer findet den change in der obigen Word Cloud? Barack Obama hat sich in dieser Hinsicht offensichtlich sehr zurückgenommen. Unerwartet, war es doch das Schlagwort der Kampagne oder zumindest das, das von den Medien am gierigsten aufgegriffen wurde. Der neue Präsident liegt sogar noch deutlich hinter Bill Clinton, welcher das Wort wesentlich häufiger verwendete. Das zeigt die folgende Tabelle, die die Häufigkeit eines Wortes in Prozent der Gesamtwortanzahl angibt, für die gelisteten fünf Antrittsreden.

change1

Auf diese simple Weise lässt sich gut mit den Reden arbeiten – harte Erkenntnisse gewinnt man so nicht, denn die bloße Erwähnung eines Wortes bedeutet noch nicht viel, ist eben die Bedeutung auch vom Kontext abhängig, in dem es vorkommt. Die Methode gibt uns aber Hinweise und erlaubt uns einige Mutmaßungen. Die Word Cloud oben ist hingegen nicht ungefährlich, sie siebt die häufigsten Wörter im Englischen aus, weil man sonst vor lauter it und and nichts mehr sehen würde. Dabei hat sie leider auch can gestrichen (must aber stehen lassen), ein Wort, das im Slogan Yes, we can Karriere gemacht hat. Es kommt immerhin 13 mal in der Rede vor und damit um 5 Verwendungen häufiger als must. Hat Obama also einen besonders optimistischen Ton gewählt?

canmust

Nicht viel optimistischer als seine Vorgänger, aber das Verhältnis canmust ist bei ihm am deutlichsten ausgeprägt. Ein Blick auf die Top 500 der englischen Wörter zeigt aber, dass ersteres (Platz 36)  ohnehin wesentlich öfter gebraucht wird als letzteres (Platz 172). Es sind also Bush und Clinton, die aus der Reihe tanzen. Tatsächlich zeigt sich hier ein anderer rhetorischer Ansatz – wo Obama aufzeigt, was getan werden kann, muss bei Clinton alles geschehen. Bei dem einen sind die amerikanischen Bürger aktiv Handelnde, die die Wahl haben, bei dem anderen tragische Figuren, denen vom Lauf der Geschichte keine Wahl gelassen wurde. Freilich transportiert beides den gleichen Inhalt – Entschlossenheit, die Probleme anzupacken.

Andere Wörter, die die Word Cloud außen vor lässt, sind Pronomen, vor allem die häufigen Personalpronomen. Die sind aber von Interesse, denn zur Umarmungstaktik des neuen Präsidenten gehört es natürlich, von uns zu sprechen, statt von sich, vom wir statt vom du. Ich habe die Word Cloud hierfür auf die Pronomen, die in den Top 100 auftauchen, reduziert.

weourus

Relativ eindeutig. Der Strich unterhalb des our ist das I, es war nicht sehr beliebt. Das ist in der Tat sehr umarmend. Schauen wir uns das Ganze in Tabellenform an, verglichen mit George Bushs Rede von 2005, wobei ich die irrelevanten Pronomen (etwa it) ignoriert habe:

pronomen

Es ist nicht zu übersehen, dass Bush in Sachen Kuscheln mit den Bürgern nicht mithalten konnte. Er liegt bei allen drei entsprechenden Pronomen mehr oder weniger klar zurück, beim Referieren auf sich selbst hingegen vorne. Auffällig sind daneben zwei andere Unterschiede: Obama gebraucht viel häufiger they, Bush mag dagegen your mehr als sein Nachfolger. Sich darauf einen Reim zu machen ist nicht ganz einfach, also gehen wir an dieser Stelle in den Text. Dort lernen wir, dass ein Pronomen auf Verschiedenes referieren kann (man spricht hierbei von Deixis bzw. von deiktischen Ausdrücken) – they referiert in Obamas z.B. vor allem auf die forefathers, die Gründungsväter der USA, aber auch auf die challenges, Herausforderungen, vor denen Amerika stehe. Wenn wir  diese Referenzen des Pronomens they unter dem Gesichtspunkt „us versus them“ zusammenfassen, dann ergibt sich folgende Tabelle (diesmal nur in absoluten Zahlen, da uns der Anteil an der Gesamtwortzahl der Reden hier nicht interessiert):

they1

Von 17 von Obama verwendeten they referieren 16 auf etwas, das sich grob als „us“ beschreiben lässt – unsere Vorväter, die Herausforderungen, die uns bevorstehen, unsere Familien, etc. Nur eines referiert auf „die anderen“, auf die Gegner. Damit zeigt sich, dass sich das they in derselben Kategorie verorten lässt wie our, we und us. (Wen es interessiert: Bush geht es neben einer Vorväter-Erwähnung einmal um „every man and woman“ und einmal um „rights“, wenn er das Pronomen benutzt.) Ein anderes Bild zeigt sich beim von Bush präferierten your:

your

In beiden Reden referiert dieses Pronomen deutlich öfter auf „die anderen“ als auf „uns“. Das erklärt sich mit einer Passage bei Bush, in der er andere Länder bzw. deren Völker direkt anspricht und ihnen klar macht, wofür sie einstehen sollen (Demokratie). Er hätte auch sagen können, dass „wir“, Amerika und alle anderen, gemeinsam für die Demokratie einstehen. Stattdessen erzählt er lieber, was Amerika „euch“ bringen wird, wenn „ihr“ nur mitmachen wollt. Das your können wir also dort einsortieren, wo wir es vermutet hätten, anders als das they, das nicht macht,w as von ihm erwartet wird.

Alles eindeutig also und Obama der Mann des „wir“? Bestätigt der Pronomengebrauch in Obamas Rede die These von seiner Umarmerei? Betrachten wir folgende Auswertung:

pronomenalle

Plötzlich sieht das Bild ganz anders aus: Barack Obama liegt in seiner Paradedisziplin deutlich hinter Clinton und hat selbst gegen Bush Probleme, wenn wir dessen erste Rede als Maßstab nehmen. Auch Bush Sr schneidet nicht ganz so schlecht ab. Was Pronomen angeht sticht Obama nicht sonderlich hervor, die our-we-us-Strategie scheint Konsens unter Präsidenten zu sein, jedenfalls unter den letzten vieren. Einzig beim zurückhaltenden Gebrauch der ersten Person Singular wird er seinem Ruf gerecht. Die Statistik sagt uns aber mehr über Bushs zweite Amtszeit – hat er noch als „normaler“ erster Mann im Staat angefangen, hatten die darauf folgenden politischen Ereignisse einen sehr starken Einfluss auf seine Wortwahl bei der zweiten Antrittsrede. Freilich sind Pronomen nur ein kleiner Ausschnitt aus der präsidentiellen Wortwahl. Deshalb folgt diesem Artikel bald ein zweiter Teil und vielleicht noch ein dritter, die Antrittsreden geben fast genug her, um endlos damit zu spielen.

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Wer selbst spielen möchte – Spielzeuge gibt es hier:

Word Frequency Counter – zählt die Wörter in einem beliebigen Text und ordnet sie nach Anzahl

Wordle – erzeugt Word Clouds, die sich hübsch formatieren lassen

Inaugural Addresses – die Antrittsreden (fast) aller amerikanischen Präsidenten

Bildnachweis: Photos von Wikipedia en.wikipedia.org

Eine Antwort

  1. Das ist ja mal wirklich interessant. Welche Bedeutung du aus der Verwendung der Wörter schleißen kannst, und das auch noch sehr einleuchtend.
    Wirklich gelungen.

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