Von Zombiesprachen

Eine der bemerkenswertesten Fähigkeiten von Nörglern aller Art ist die Meisterschaft im Reden über Dinge, von denen man nichts weiß. Wenn es um Sprachnörgel geht, dann ist es der Begriff der Sprache, der häufig ungeklärt bleibt. Das könnte man verstehen, schließlich kann man sich über eine Definition von Sprache prächtig streiten, aber die Ignoranz liegt bei manchem selbsternannten Sprachkritiker ja nicht im Detail. Man wundert sich bisweilen, welch eigenartiges Sprachverständnis deren Denken prägt. Es drückt sich z.B. durch solche Formulierungen aus:

Das ist doch weder Deutsch noch Englisch, sondern eben eine Mischung, Denglisch (Frage aus einem Interview der c’t mit u.a. Schlobinsky)

Die c’t steht keinesfalls allein mit der Verwendung dieser Idee, wie eine einfache Google-Suche nach „weder deutsch noch englisch“ denglisch leicht zeigt. „Denglisch“ ist demnach kein Deutsch und kein Englisch, sondern wohl eine eigenständige Sprache. Aber was zur Hölle soll Sprache dann bedeuten? In dieselbe Kerbe haut diese leicht alberne Kolummne im Hamburger Abendblatt, deren Autor den Deutschen sogar Sprachlosigkeit attestiert, weil sie so viele englische Vokabeln in ihr Deutsch mixen. Das mag nicht wörtlich gemeint sein, aber auch hier schimmert deutlich die Ansicht durch, man spreche kein Deutsch, wenn man „Denglisch“ spreche. Das ist die Extremform der Sprachverfallsthese – durch die bloße Anhäufung von Veränderungen verschwinde eine Sprache.

Die einzige Erklärung für derlei Aussagen, die mir einfällt, ist, dass hier zwei Fehler gemacht werden: erstens wird Sprache auf das rein Formale reduziert (also auf bloße Grammatik im herkömmlichen Sinne und das Lexikon) und zweitens die historische Dimension der Sprache völlig ausgeklammert wird. In diesem Verständnis wird Sprache zu einer Art Zombie – sieht wie Sprache aus, ist aber eigentlich nur eine willkürliche und undynamische Ansammlung von Symbolen.

Natürlich ist Sprache vor allem anderen ein Kommunikationsmittel. Zur Grammatik kommt die Pragmatik (die vielleicht auch dazu gehört, aber das ist ein anderes Thema). Deutsch ist nicht einfach ein Regelsystem, sondern ein Mittel der Verständigung, der Übermittlung von Informationen. Ein guter Anhaltspunkt dafür, was als eigenständige Sprache bezeichnet werden kann oder sollte, ist daher die mögliche oder nicht mögliche Verständigung einzelner Sprechergruppen miteinander. Der Bayer versteht den Berliner und umgekehrt, also sprechen wir nicht von unterschiedlichen Sprachen, sondern von unterschiedlichen Variäteten (in diesem Fall Dialekten).

Wenn es also überhaupt so etwas wie „Denglisch“ gibt, dann allenfalls als Varietät, denn die Kommunikation zwischen einem „Denglisch“-Sprecher und einem Sprecher des „reinen Deutschs“ ist ohne Weiteres möglich – auch wenn Sprachnörgler gerne Gegenteiliges behaupten. Es mag zwar mancher mit Anglizismen wie Sale oder Service Point so seine Probleme haben, aber das ist kein exklusives Anglizismenproblem – schließlich versteht auch kaum ein Laie das BGB oder die Sätze der Thermodynamik.

Tatsächlich gibt es auch Dialekte innerhalb einer Sprache, deren Sprecher sich nicht untereinander verstehen. In solchen Fällen ist aber ein Kontinuum verschiedener gegenseitig verständlicher Dialekte feststellbar. Wenn also die Südfranzosen wirklich so arge Schwierigkeiten damit haben, die Ch’tis zu verstehen, dann dürften sie irgendwo zwischen Marseille und Lille auf Franzosen treffen, die Ch’ti verstehen ohne selbst Ch’tis zu sein. Genauso gilt: wenn Opa Wolfgang sich mit Angestellten der Deutschen Bahn wahrhaftig nicht mehr verständigen kann, dann wird er irgendwo am Bahnsteig jemanden treffen, dessen Deutsch mittig genug liegt, um vermitteln zu können.

Neue Sprachen entstehen, wenn diese Kontinuität wegbricht, etwa indem Dialekte verschwinden, die verbinden könnten. Oder indem Sprecher derselben oder einander verständlicher Varietäten lange Zeit keinen Kontakt mehr haben, bis diese so viele Veränderungen angehäuft haben, dass Kommunikation nicht mehr ohne Weiteres möglich ist. Das Lieblingsbeispiel aller Linguisten für diese Vorgänge ist Neu-Guinea mit seinen hunderten Sprachen – durch die geographischen (und darauf fußend sozialen) Gegebenheiten auf dieser kleinen Landmasse konnte sich die Proto-Sprache der ersten Siedler in kürzester Zeit in die unterschiedlichsten Richtungen entwickeln. Ähnliches findet man auf den amerikanischen Kontinenten, deren Sprachen sich standhaft gegen die Enträtselung ihrer Verwandschaftsbeziehungen wehren. Wie banal ist es vor diesem Hintergrund, eine große Sprachverwirrung wegen ein paar Anglizismen herbeizureden.

Das ist die historische, die evolutionäre Komponente, die Sprachnörgler nicht gerne zur Kenntnis nehmen. Sie verhalten sich da wie Intelligent-Design-Anhänger: „Mikroevolution“ wird akzeptiert, aber mit „Makroevolution“ tut man sich schwer. Sprache verändert sich, ja, das habe man schon verstanden. Aber dass diese Veränderungen Teil eines langen, graduellen Prozesses sind, das versteht man nicht so ganz.

Nur so kann man behaupten, Denglisch sei weder Deutsch noch Englisch. Als würde eine bestimmte Menge von Veränderungen – gerade eine so kleine wie im Falle des „Denglisch“ – zu einer neuen Sprache und dem Verfall einer Alten führen. Das was Sprachnörgler als deutsche Sprache bezeichnen ist ein Zombie, ein Konstrukt ohne Eigenleben, das auch nicht dadurch gerettet werden kann, dass man Veränderungen halbherzig zugibt und dann doch wieder den Totenbeschwörer gibt.

Eine Antwort

  1. Ähnliches findet man auf den amerikanischen Kontinenten, deren Sprachen sich standhaft gegen die Enträtselung ihrer Verwandschaftsbeziehungen wehren.

    Aber… um ehrlich zu sein… es hat auch kaum jemand ernsthaft versucht. Die Amerikanisten scheinen im Großen und Ganzen zu glauben, alles, was nicht bis weit jenseits allen vernünftigen Zweifels bewiesen sei, sei automatisch falsch.

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