Sprache und Kultur

Eben stieß ich auf ein Interview des Rheinischen Merkurs mit Josef Kraus, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes. Der gute Mann äußert sich mit aller gebotenen Ignoranz positiv über den Grundgesetzvorschlag der CDU. Das braucht nicht weiter kommentiert zu werden, außer vielleicht, dass es erschreckend ist, einen dermaßen vorurteilsverseuchten Mann in einer solchen Position zu sehen. Arme Lehrerschaft!

Ich will mich mit nur einer seiner zahlreichen unbelegten Thesen beschäftigen:

Es geht um Identifikation mit einem Gemeinwesen. Sprache ist nun mal die ganz entscheidende Basis von Kultur, weil sich Kultur ganz besonders über Sprache vermittelt.

Zuvor hat er sich des Vorwurfs erwehrt, die Leitkulturdebatte aufgewärmt zu haben, und behauptet nun, dass Sprache die „ganz entscheidende Basis von Kultur“ sei, weil die letztere sich „besonders über Sprache“ vermittle. Dagegen ist grundsätzlich wenig zu sagen, die zentrale Bedeutung der Sprache für das menschliche Schaffen scheint auch mir evident.

Aber wie genau ist das Verhältnis zwischen Sprache und Kultur denn nun? Kraus jedenfalls macht sichd arüber augenscheinlich keine großen Gedanken, denn sein Argument ist ein glatter Fehlschluss. Kultur vermittelt sich über Sprache, aber muss es unbedingt die deutsche Sprache sein, die die deutsche Kultur vermittelt?

Wenn Türken in Neukölln oder Kreuzberg („fast schon autarke Gebiete“) das WM-Finale 2010 Deutschland gegen Italien mit türkischem Fernseh-Kommentar schauen und dabei in der Türkei gebrautes Pils trinken und halal Fleisch in rauen Mengen fressen, ist das keine deutsche Kultur? Muss es deutscher Kommentar, deutsches Pils mit Alkohol und deutsches Schweinefleisch sein?

Wenn Dänen in Flensburg eine dänisch-sprachige Adaption von Goethes Faust verfolgen und danach auf Friesisch mit nahewohnenden Nordfriesen die Pudelszene diskutieren, ist das keine deutsche Kultur? Muss Faust Deutsch sprechen, damit er das Privileg der Deutschkultur genießen kann?

Kraus geht einen Schritt zu weit, er setzt Kultur mit Sprache gleich. Kulturelle Phänomene können sich aber problemlos von der Sprache, in der sie erdacht wurden, emanzipieren. Die deutsche Bierkultur lässt sich auch auf türkisch genießen, nicht minder der Faust oder die Räuber.  Phänomene, die wir als „deutsche Kultur“ klassifizieren, müssen nicht zwingend auf Deutsch gedacht oder umgesetzt werden. Der Faust wird nicht zur türkischen oder dänischen Kultur,  nur weil er auf Türkisch oder Dänisch aufgeführt wird.

Wir können kulturelle Phänomene als Meme beschreiben, die sich mit unterschiedlichem Erfolg verbreiten. Sprache ist dafür ein Trägermedium, und unterschiedliche Sprachen unterscheiden sich nur in der Anzahl ihrer Sprecher und damit potentieller Kulturträger, verändern aber das Mem nicht. Gleichzeitig ist eine Sprache auch selbst ein Mem, das bildlich gesprochen mit unterschiedlichem Erfolg fortlebt oder ausstirbt.

Damit können wir zwei distinkte Phänomene nennen, die wir mit dem Begriff „deutsche Kultur“ bezeichnen:
1. Meme, die in deutscher Sprache erdacht, aufgeschrieben, weitergereicht (etc.) wurden und werden
2. Das Mem deutsche Sprache selbst

Dieses letzte Mem ist derzeit nicht bedroht, schon allein, weil es die Amtssprache (nicht nur) Deutschlands ist. Dafür brauchen wir also keinen Grundgesetzeintrag. Die anderen Meme sind nicht dadurch bedroht, dass sich das Trägermedium ändert. Das Gegenteil ist der Fall, eine flexible Wahl des Mediums sichert das Fortbestehen.

Dass die deutsche Sprache grundgesetzlich geschützt werden müsse, um die deutsche Kultur zu bewahren, kann nur behaupten, wer gar nicht weiß, was deutsche Kultur eigentlich sein soll.

3 Antworten

  1. Ich finde der hier im Artikel diskutierte Kulturbegriff geht weitgehend am Kernproblem der Aussagen dieses Leerers vorbei. Man kann lange philosophieren über den Begriff deutscher Kultur, gehört Döner essen dazu oder Edgar Wallace lesen udn wie siehts mit Klingeltondownloads aus?
    Um so „Kleinkram“ geht es den Leuten dabei aber gar nicht, der interessante Tiel des im Text genannten Zitates ist IMHO:
    „Es geht um Identifikation mit einem Gemeinwesen“
    Sprache und Kultur sind dabei bestenfalls Ausdruck der Hilflosigkeit wie man denn die Zugehörigkeit zu unserer Gemeinschaft klassifizieren soll, aber das eigentliche Problem geht doch viel tiefer.
    Jemand der Mehmet Özdemir heisst ist nach allgemeiner Wahrnehmung einfach nicht deutsch. Ob deutsch seine Muttersprache ist und ob er sich von Sauerkraut oder Falafel ernährt und welche Staatsbürgerschaft er hat ist da bestenfalls zweitrangig.
    Auf dieser Wahrnehmung basieren die Leitkultur- und Integrationsdebatten genau so wie die „ausländer“-feindlichen Parolen eines Roland K. Dumm nur dass diese Problem dabei nie angesproechen wird.

  2. Aber was für ein Kulturbegriff soll das sein? Das ist ja bloßes Wischi-Waschi, das nur auf einer emotionalen Ebene funktioniert, ohne irgendetwas zu bedeuten.

    Darauf fußend kann man natürlich schwafeln wie die Herren K. es tun. Wenn man den Begriff der „Kultur“ aber ent-emotionalisiert, dann bleibt mE nichts mehr übrig, das das Geschwafel in irgendeiner Weise stützen könnte.

  3. Völlig richtig. Ich wollte ja nur sagen, dass man mit diesem Zerpflücken dieser offensichtlichen Wischwaschi-Argumente diese Pseudo-Argumente in gewisser Weise zu ernst nimmt.
    Die eigentliche Stütze des Geschwafels sind ja nicht unbedingt die halbgaren Argumente, sondern die Geisteshaltung die dahinter steckt.
    Ob man nun von Spprachverfall, der Leitkultur oder der Multi-Kulti-Lüge fabuliert ist dabei ja relativ austauschbar.

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