Nimska, Jermaniya, Dútslân, Tyskland över allens

Das heißt Deutschland, Deutschland, Deutschland, Deutschland über alles und ist fünfsprachig. Alle fünf Sprachen sind offizielle Sprachen unseres Landes, aber keine davon ist Deutsch. Und keine davon steht im Grundgesetz. Und keiner hat sich je darüber beklagt. Diese Sprachen sind in Reihenfolge ihres Auftauchens im Titel dieses Posts Sorbisch, Romani, Friesisch, Dänisch und Niederdeutsch. Wenn nun das Deutsche ins Grundgesetz soll, sollten dann nicht auch diese Sprachen folgen?

Nein, Deutsch sei ja das, was „uns verbindet“. Deutsch mache ja den Staat aus. Das ist ein ziemlich unzeitgemäßes Verständnis von Staat und vor allem von uns. Ein symbolischer Akt, wie ihn die CDU vorgeschlagen hat würde „uns“ keineswegs zusammenschweißen, wenn man darunter die Bevölkerung Deutschlands versteht. Das Gegenteil ist der Fall, es würde zu Spannungen führen und die Leute auseinanderbringen.

Das findet sich ganz ähnlich in der EU wieder: In Vielfalt geeint heißt das Motto der Union, und das bezieht sich vor allem auch auf die Sprachen. Was wäre wohl los, wollte man sich auf eine Sprache einigen, sie gar in die Verfassung schreiben? Natürlich, Englisch hat in der EU nicht annähernd dieselbe Verbreitung wie Deutsch in Deutschland, aber das Ergebnis einer auch nur symbolisch postulierten Einheitssprache wäre das gleiche: helle Aufregung in aller Herren Länder, allen voran bei den Herren, die jetzt das Deutsche aus symbolischen Gründen ins Grundgesetz kritzeln wollen.

Und man könnte das verstehen, genauso, wie auch CDU und „Sprachschützer“ verstehen sollten, dass es Sprecher anderer Muttersprachen, die hierzulande leben, in ebensolche Aufregung versetzen muss, wenn ihnen so ein „Zeichen“ auf’s Auge gedrückt wird.

Es geht auch progressiver, aktueller. Die EU mit ihren 23 Amtssprachen macht es vor, Einigkeit durch Vielfalt. Es gibt auch mindestens ein Beispiel für ein Land, das mehrere Sprachen einschließlich Midnerheitssprachen in seiner Verfassung verankert hat: als man sich in Südafrika nach Ende der Apartheid auf eine neue Verfassung verständigte, schrieb man kurzer Hand folgende Sprachen in den Text:

Afrikaans (Afrikaans), English, Ndebele (isiNdebele), Northern Sotho (Sesotho sa Leboa), Sotho (Sesotho), Swati (siSwati), Tsonga (Xitsonga), Tswana (Setswana), Venda (Tshivenḓa), Xhosa (isiXhosa), Zulu (isiZulu) (Quelle:Wikipedia)

Das sind nicht alle Sprachen, die in Südafrika gesprochen werden. Aber der Gedanke ist klar: Statt nur das von über 90% der Bevölkerung verstandene Afrikaans zu erwähnen, wurde versucht, die Vielfalt zu betonen und so ein Einheitsverständnis zu schaffen.

Warum nicht südafrikanischem Vorbild folgen und Sorbisch, Dänisch, Friesisch, Romani und Niederdeutsch mit in das Grundgesetz aufnehmen? Und Türkisch, Russisch, Italienisch, usw., nicht zu vergessen das Jiddische? Sicher, die konkrete Sprach- und politische Situation ist nicht mit der in Südafrika zu vergleichen, aber – auch abgesehen davon, dass es vier der fünf im Titel genannten Sprachen nötiger hätten, gepflegt zu werden, als das Deutsche – das Einheit-durch-Vielfalt-Prinzip ist der Deutschtümelei, der Leitkulturerei allemal vorzuziehen. Und damit kommen wir zurück auf den Titel:

Die Zeile Deutschland, Deutschland über alles bezieht sich bekanntlich auf die lange erstrebte deutsche Einheit, die die Vielfältigkeit schließlich nicht überwunden, sondern integriert hat. Ohne diese Vielfalt und deren Bewahrung gäbe es gar keine „deutsche Kultur“, die man heute verteidigen zu müssen vermeinen könnte.

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Zum Stöbern:
Deutsch – Niedersorbisch
Hochdeutsch – Plattdeutsch
Dänisch – Deutsch
Friesisch – Englisch

8 Antworten

  1. Heißt Deutschland auf niederdeutsch „över allns“ oder kann ich nicht zählen?

  2. Ob man nun eine oder 23 festlegt, es wird immer irgendwer vereinnahmt oder ausgegrenz, der das nicht will. Dadurch, dass unsere Verfassung keine Sprache festlegt, wird keine Sprechergemeinschaft bevorzugt oder benachteiligt. Und im Endeffekt ist es dann vielleicht doch wieder weise, die Sprache nur dort vor- und festzuschreiben, wo das wirklich nötig und sinnvoll ist: In Verwaltungsvorschriften.

  3. Das sehe ich genauso. Aber man sollte den „Symbolikern“ daher erst recht klar machen, dass das Berufen auf’s Deutsche als einende Kraft weder die beste noch die einzige Möglichkeit ist.

    @ohno
    Ja, so ist es gemeint. Da „das Niederdeutsche“ aber natürlich ein sehr ungenauer Begriff ist, kann die Aussprache (und damit Schreibweise) regional auch anders sein. Ihre alternative Variante (ich weiß nicht, ob das Absicht war) geht also sicher auch.

  4. […] Sprachblog, von Coffee & TV und von Nörgeln, Immer Nur Nörgeln. Letztere liefern heute auch das schönste Gegenargument: Ein symbolischer Akt, wie ihn die CDU vorgeschlagen hat würde “uns” keineswegs […]

  5. Inwiefern sind denn Friesisch oder Romani „offizielle“ Sprachen unseres Landes?
    Bei Sorbisch kann ich ja noch verstehen dass man z.B.die teils mehrsprachige Beschilderung im Verbreitungsgebiet als eine Art offizelle Anerkennung versteht, aber bei den anderen genannaten Sprachen ist mir nichts dergleichen bekannt.

  6. Siehe dazu diesen Wikipedia-Artikel. Die Sprachen sollen als Regional- bzw. Minderheitensprachen geschützt werden.

    Zu konkreten Maßnahmen bzgl. des Friesischen siehe hier. Auch auf Friesisch gibt es Ortsschilder. Auf Romani vermutlich nicht, konkrete Maßnahmen dazu sind mir jetzt auch nicht bekannt, aber ich vermute, dass es offizielle Kultur- und Literaturförderungen gibt o.ä. Man kann da sicher einiges machen.

  7. Es gibt nicht einmal einen einzigen niederdeutschen Radiovollprogrammsender im Norden! Sicher, Diskriminierung und mangelnde Selbstachtung. Aber daran ist ja nicht der Nationalstaat schuld.

    Erzählt mir doch nichts, es reicht vollkommen, wenn man notfalls mit seinem Amt in einer anderen Sprache sprechen kann, um sich als Minderheit aufzuspielen. Das machen wir alles mit wie die Amerikaner die Amish als Kuriosität akzeptieren. Deutsch ins Grundgesetz zu schreiben, das finde ich sehr gut, denn es gibt Sprache einen Stellenwert. Es geht ja gar nicht um Deutsch oder Friesisch, sondern Deutsch oder Englisch. Die Globalisierung will das Deutsche genauso marginalisieren wie das Friesische und das Niederdeutsche. Oma spricht noch Deutsch! — so etwas will ich nie hören. Bei den Russlanddeutschen war es ähnlich, sie haben das gar nicht gemerkt. Als ich klein war, hat man keine Floskeln im Zug in Fremdsprache vorgesabbelt. Ich wäre es bereit zu akzeptieren, wenn es das gleiche im Ausland für Deutsche gäbe. Im übrigen frage ich mich, ob Mehdorn nicht besser die Presise reduzieren kann, statt unsere Sprache aus dem öffentlichen Raum zu vertreiben.

  8. Paranoia?

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