Ich versuche mich mal als Kampagnenmaschinenzahnrad

Brand meets world verdanke ich den Hinweis auf diesen Artikel aus der Welt, in welchem der Autor Ulrich Clauss einige Thesen über Blogs, das Internet und das Universum im Allgemeinen vertritt, die ich für einigermaßen realitätsfremd halte. Als Aufhänger verwendet Clauss Barack Obamas Medienstrategie, die mehr als zuvor auf die Möglichkeiten des Netzes setzte.

„[Obama] umging mit seiner Informationsstrategie auch systematisch die klassischen Medien, indem er seine Botschaften über Internet-Blogs verbreitete, TV- und Radiosender also zwang, diese wiederum im Nachgang zu zitieren und damit die bislang übliche Kette der Informationsvermittlung zu umgehen. Klassische redaktionelle Verarbeitung und handwerklich regelgerechte Präsentation der Information war so erst möglich, wenn die „Information“ längst verbreitet war.“

Im letzten Satz werden zwei Dinge unterstellt:
1. Klassische redaktionelle Verarbeitung ist besser als das, was Blogs machen. (Wie nennt man das dann eigentlich?)
2. Klassische Medien liefern eine handwerklich regelgerechte Präsentation der Infos, Blogs nicht.

Clauss könnte glatt Mitglied bei einem der einschlägigen Nörgelvereine werden: er verbindet unbelegte Thesen mit Kulturpessimismus. Was ist handwerklich regelgerechte Präsentation – und vor allem: warum ist sie besser als andere Formen der Präsentation? Ich bin mit den Präsentationsmöglichkeiten, die mir WordPress bietet eigentlich sehr zufrieden.

Und wieso ist redaktionelle Verarbeitung besser? Weil dann weniger Unfug bei rauskommt? Bei Brand meets world (siehe obiger Link) findet sich eine treffende Antwort darauf. Ich sage hier nur: BILD. Aber genau genommen muss man dafür nicht mal den Boulevard entlang gehen. Was mir im Laufe meines Studiums aufgefallen ist, ist dass journalistische Beiträge in den Bereichen, in denen ich über eine gewisse Expertise zu verfügen begann, fast immer halbgar bis unfundiert sind. Ich mache das keinem Journalisten zum Vorwurf – die wenigsten dürften es sich leisten können, nur über die Bereiche zu schreiben, von denen sie Ahnung haben. Das ist wohl eine Frage des Broterwerbs. Aber wie kann man dann so etwas behaupten wie Clauss in seiner These 1? Selbstüberschätzung?

Das Hauptthema dieses Blogs liefert ein hervorragendes Beispiel: Artikel zum „Sprachverfall“ sind meistens sehr oberflächlich, Kolumen und ähnliches dazu fast durch die Bank grober Unfug. Dazu kann man sich einige Blogeinträge hier und noch viel mehr beim Bremer Sprachblog durchlesen. Zugegeben: ob es sich in anderen Themengebieten, z.B. amerikanische Politik, ähnlich oder genauso verhält, das weiß ich nicht. Aber welchen Grund habe ich, Gegenteiliges anzunehmen?

Der Fairness halber sei erwähnt, dass Clauss tatsächlich ein Argument liefert:

„Die klassischen Medien werden so zu Beobachtern von Informationsvorgängen degradiert, für die sie zuvor gestaltend zuständig – und zur Verantwortung zu ziehen – waren. Mit dem Verlust jeder Filter- und Prüfungsautorität kommen dieser Art der Medienkultur auch alle Korrekturfunktionen abhanden: Dergestalt gesetzte Informationen sind zum Beispiel praktisch nicht mehr dementierbar.“

Nur frage ich mich da: so what!? Internet abschalten? Internationale Zensurbehörde aufbauen? Oder will Clauss doch einfach nur ein bisschen leitartikelnörgeln? Nein, er ist Idealist:

„[…] es wird Zeit, dass der rasanten Dynamik des Internets eine entsprechende Ethik der Informationsgesellschaft folgt.“

Wie wäre es, damit erst einmal bei den klassischen Medien anzufangen? Ach, gibt es schon? Und wenn sich da kaum jemand dran gehalten hat, wieso sollte es dann ausgerechnet im Internet funktionieren?

Ich bin stolz, in der Wahlnacht den CNN-Livestream verfolgt zu haben. Da habe ich live ein waschechtes Hologramm gesehen. So nutzt man als klassisches Medium das Netz!

2 Antworten

  1. Klassische redaktionelle Verarbeitung ist besser als das, was Blogs machen. (Wie nennt man das dann eigentlich?)

    Wie wäre es mit Zeitgemäße redaktionelle Verarbeitung?

  2. Also dieser Hologram-Kram auf CNN war schon ne echte Beleidigung der Zuschauer. Aber davon mal ab, interessanter waere IMO sich mal die eigentliche Praemisse von Herrn C. anzuschaun, naemlich dass Obama irgendwie die „klassischen“ Medien „umgangen“ haette. VOn Obamas Newsletter etc. aus gab es doch viel mehr Material fuer die Journalisten als es dass von, sagen wir mal, gewissen frauen aus Alaska gab die gezielt von dem Medien ferngehalten wurden. Wo umgeht da jetzt irgendwer die Medien?
    Das klignt so als haette Obama irgendwelche genehmen liberalen Bloggher mit Exklusiv- oder Vorabinfos verhaetschelt um den kritischen, „echten“ Zeitungsjournalisten zum entgehen. Das ist aber doch schlichtweg totalter Nonsens.

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