Sick of Sick?

Sick of Sick

Meinunger ist Sick of Sick

Zur Einweihung der Buchbesprechungsrubrik, die mit kurzen Buchvorstellungen gefüllt werden wird, habe ich mir das folgende Buch ausgesucht. Aus programmatischen Gründen.

Bastian Sick ist in aller Munde – und in vielen großen Sälen und Hallen, die noch dazu gut gefüllt sind, und zuletzt gar in der Flimmerkiste. Seine Einlassungen über die deutsche Sprache verkaufen sich hervorragend, sie sind allseits beliebt. Fast allseits, denn insbesondere die Spezies der Sprachwissenschaftler hat nicht selten Bedenken. Genauer gesagt ist Bastian Sick bei vielen Linguisten schlicht unbeliebt.

Insbesondere die deskriptiv arbeitenden Wissenschaftler haben Vorbehalte – und das sind die meisten, es sollten meines Erachtens per definitionem in der Tat alle sein. Sicks präskriptive Ansätze, ob bewusst oder unbewusst so gehalten, haben mit (Sprach-)Wissenschaft nichts zu tun, dafür umso mehr mit Stilfibeln und Sprachtrainern. Und wie derlei Ratgeber und Knigge-Verballhornungen sind sie in den Medien und Bestsellerlisten sehr präsent. Ganz im Gegensatz zur Linguistik.

Das zu ändern hat sich André Meinunger angeschickt und im Kulturverlag Kadmos einen Metazwiebelfisch mit dem Titel Sick of Sick? veröffentlicht. Darin geht es André Meinunger um andre Meinungen (der Autor wird dieses platte Wortspiel angesichts des Titels seines Buches verzeihen😉 ) zu den von Sick kolportierten Thesen und Urteilen. Er stellt dem Leser ein kurzes linguistisches Grundgerüst vor und behandelt daran orientiert einige ausgewählte Sicksche Kolumnen.

André Meinunger
André Meinunger

Im Unterschied zu diesem erscheint Sick of Sick nicht bei KiWi, sondern beim wesentlich kleineren Kadmos-Verlag, was zur Folge hat, dass das Werk in Buchhandlungen selten an exponierter Stelle zu finden ist, bisweilen sogar überhaupt nicht. Eins zu Null für den Sprachnörgel also, die Kategorie PR ist ganz klar Sicks Metier. Er kann auch so kameratauglich dauergrinsen und ohne ein einziges substantielles Wort zu sagen gefallen. Zum Ausgleich dieses unfairen Vorteils sei hier auch Herr Meinunger abgebildet.

Dieser macht gleich am Anfang klar, was von seinem Buch zu erwarten ist:

„Denn neben den guten und treffenden Darstellungen strotzt das Sick’sche Werk eben auch von Ungereimtheiten, Unstimmigkeiten, Halbwahrheiten, Pedanterien bis hin zu reinen und groben Fehlern. Welche das (unter vielen anderen) sind, kommt im vorliegenden Band zur Sprache.“

Neben einer exemplarischen Aufarbeitung Sick’scher Verfehlungen steht also auch das Positive an dessen Schriften im Vordergrund: Die gute und treffende Darstellung. Meinunger lehnt sich stark an das vom Zwiebelfisch vorgegebene und erfolgreiche Format an, schreibt kurze Kapitel in Kolumnenform und streut immer wieder Randbemerkungen und thematische Ausflüge ein. Was hingegen weitgehend fehlt sind die Anekdoten und prosaischen Einlassungen, die man bei Bastian Sick häufig findet.

Los geht es mit den „Ungenauigkeiten“, hier auf dem Gebiet der Phonologie. Meinunger zeigt, dass die Empfehlung, <ch> am Wortanfang vor hellen Vokalen wie in ich auszusprechen, und die Klassifizierung der /k/-Aussprache als Bajuwarisch, ganz entschieden zu kurz greift. Sick lässt hier die nötige Differenzierung vermissen. Seine gewünschte Artikulation sei, so Meinunger, primär bei griechischen Lehnwörtern (also fiesen Gräzismen) zu finden. China sei also schon ein Sonderfall, der nicht funktioniere Chirurg und Chemie.

Bei Chile lägen die Bayern mit /tschile/ sogar richtig, das Wort sei ebensowenig mit Ich-Laut zu versehen wie Herr Che Guevara (außer in Mainz, wo es nur den Isch-Laut gibt und man vom Schee Gewarra spricht, was freilich auch weibliche Bewunderung ausdrücken kann). Schließlich weist Meinunger noch auf das tschechische Cheb (gesprochen mit Ach-Laut) hin und auf englische Lehnwörter wie Chicken und Cheddar, die man vermutlich auch nur im südwestdeutschen Raum mit I(s)ch-Laut spricht, dann noch auf Gallizismen wie Chef und chic, die der Südwestdeutsche instinktiv (Mainz war schließlich mal französisch) korrekt ausspricht, und zuguterletzt noch auf die schrecklich undeutsche Orthographie des Italienischen.

Allein meine Zusammenfassung ist schon fast länger als Sicks Betrachtung des Themas. Wir sehen also: Herrn Meinungers Buch tut Not.

Weiter geht es mit Kasusendungen, Derivation, Präpositionen, den Genitiv, Sprachwandel in Form von Wortschatzerweiterungen, Umgangssprache, weil mit Hauptsatzstellung, sogar Anglizismen und derlei mehr. Bei nahezu allen Themen, die der Zwiebelfisch behandelt, hat André Meinunger also den einen oder anderen wunden Punkt entdeckt und nutzt das löblicherweise schamlos aus.

Den knappen Blick auf den Inhalt des Buches schließe ich mit einem weiteren Meinunger-Zitat, das ich voll unterschreibe:

„Der seriösen Sprachwissenschaft geht es in erster Linie darum herauszufinden, was Sprecher niemals bilden würden, was sie potentiell bilden (können) und wie dies zu beschreiben, zu charakterisieren und formal nachzuvollziehen ist. Es geht nicht darum vorzuschreiben, was als richtig zu gelten habe und was nicht.“

Meinunger zeigt zudem auf, welchen Nutzen Sprachwissenschaft haben kann (beispielsweise bei der Behandlung von Sprachstörungen), sodass sich ein Gesamtbild ergibt, das dem Leser vielleicht vermitteln kann, warum Germanisten „untätig“ sind, wenn es um den sogenannten Sprachverfall geht, warum sie stattdessen lieber machen, was sie eben machen: Wissenschaft.

Das Lockere und Flappsige der Zwiebelfischtexte fehlt Sick of Sick? bisweilen, weil sich André Meinunger auf die linguistischen Aspekte konzentriert und den Unterhaltungswert als schöne und förderliche Dreingabe versteht. Bei Bastian Sick ist es häufig umgekehrt. Das mag den einen oder anderen abschrecken, aber dennoch ist das Buch keine Fachsimpelei, sondern eine populär-wissenschaftliche Arbeit, die auch dem Laien erfolgreich Einblicke in die Linguistik verschafft.

Schließlich sympathisiert Meinunger an einigen Stellen mehr oder weniger deutlich mit einigen Intuitionen der harmloseren Sprachnörgler a la Sick. Er macht deutlich, dass er keinesfalls alles gut fände, und manches Mal scheint auch sein „Sprachekel“ etwas durchzuschimmern, was das Buch auch für Linguistik-Skeptiker lesenswert machen sollte. Im Gegensatz zum Nörgler allerdings pocht Meinunger entschieden auf den Unterschied zwischen deskriptiv und normativ.

Eine Antwort

  1. […] Nörgeln, immer nur nörgeln hat mich vor einiger Zeit auf das Buch aufmerksam gemacht, ich kam aber erst jetzt dazu, es zu lesen. Und ich muss sagen: Toll! […]

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