Historische Nörgelistik

„Der Sinese hat sich durch seine steife Einsilbigkeit den Weg zu aller weitern Kultur verschlossen; aber die Sprache des Huronen und Grönländer hat alles in sich, sich zu der Sprache eines Plato oder Voltaire zu erheben.“ (Adelung 1806)

Das schreibt ein gewisser Johann Christoph Adelung in seinem Mithridates. Adelung ist aber weder Sprachkritiker noch Rhetorik-Trainer, sondern war einer der ersten deutschen Sprachwissenschaftler, wirkmächtig im 18. Jahrhundert. Hiermit sei also der Beweis erbracht, dass auch Linguisten sich irren können.

Aber der Affront gegen das Chinesische belegt noch etwas anderes, zugegebenermaßen ebenso offensichtliches: Dass vorurteilsschwangerer Sprachnörgel keine moderne Erfindung ist. Adelung hat das Obige nicht im Suff niedergekrakelt, sondern gibt hier nur ein altes Klischee wieder, dass isolierende Sprachen, also solche, die auf Flexion (weitestgehend) verzichten, zu komplexen philosophischen Gedanken nicht taugen. Aus damaliger Sicht, als man primär antike Autoren rezipierte und die eigene deutsche Überlieferung kannte – also flektierende Sprachen das A und O waren -, vielleicht irgendwie naheliegend.

Wäre Adelung nach China gereist und hätte die dortigen Sprachen studiert, so wäre ihm die reiche fernöstliche Überlieferung sicherlich nicht verborgen geblieben. Auch das Englische, ebenfalls mehr oder weniger isolierend, bietet heute eine Armee von Geistesgrößen auf. Genaugenommen war diese barbarisch unflektierende Sprache sogar dazu in der Lage, das Plato-affinerer Huron (eine Indianersprache) zu verdrängen und schließlich umzubringen. Diese Erkenntnis hat sich durchgesetzt, so dass die Einteilung von Sprechergruppen in Intelligenz- bzw. Kulturkategorien heute weitgehend außer Mode ist.

Modisch ist aber immer noch etwas anderes, auf das Adelung in seiner sympathischen Art hinweist:

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„Die Affect=Zeichen zu verdoppeln, oder wohl gar drey Mahl zu wiederholen, einen hohen Grad des Affectes zu bezeichnen (!!! oder ???) fällt in das Kindische.“ (Adelung 1788)

Diese Kritik an Satzschlusszeichenkombinationen findet sich auch heute noch zuhauf. Dass Adelung sie anbrachte, lässt darauf schließen, dass derlei Kombinationen damals schon öfter Verwendung fanden. Und ausrotten ließen sie sich nicht, Online-Foren wimmeln bisweilen davon. 220 Jahre Sprachkritik für die Katz‘. Ärgerlich.

Das erste Zitat habe ich in einem Aufsatz von Wolfgang Klein gefunden, der sich aus sprachwissenschaftlicher Sicht mit dem „Sprachverfall“ beschäftigt. Diese Beschäftigung fand anno 1986 statt. Und wir erfahren:

„Im allgemeinen Bewußtsein geblieben aber ist die Vorstellung, daß Sprachen nicht bloß anders werden, sondern besser – dies freilich selten – oder aber schlechter, weil sie bestimmte Ausdrucksmittel aufgeben und dafür andere aufnehmen.“ (Klein 1986)

Welche Lieblingsthemen hatten SPrachnörgler wohl vor 22 Jahren? Klein klärt auf: Das Verschwinden des Konjunktivs II (würden gehen statt gingen), die Hauptsatzstellung des finiten Verbs in weil-Nebensätzen (weil das mache ich so) statt der „korrekten“ Nebensatzstellung und die Verwendung des Wortes meeting statt des bewährten Treffen. Irgendwie hat sich seitdem nicht viel getan. Auch hier:

„Es dürfte, sieht man von ein paar abgehobenen Linguisten, Außenseitern zweifellos, einmal ab, nur wenige geben, die, danach befragt, dieser AUffassung nicht beipflichten würden (oder meinetwegen „beipflichteten“). Daß solche Entwicklungen einen Verfall darstellen, steht für die meisten außer Frage.“

…erkennen wir Parallelen zu gewissen linguistikkritischen Beiträgen in gewissen Pamphleten. Noch mehr Parallelen:

„[…] so sind auch die Formen, in denen sich die Überzeugung vom Sprachverfall bekundet, verschieden – von milden Glossen und geharnischten Leserbriefen bis zum großen zeit- und kulturkritischen Lamento.“

Klein versucht im weiteren Verlauf seines Aufsatzes, den Sprachnörgel zu analysieren und liefert sogar so etwas wie „brauchbare Maßstäbe“ für Sprachkritik. Das will ich hier nicht im einzelnen wiedergeben, aber festhalten: Diese Maßstäbe haben sich nicht durchgesetzt, genörgelt wird immer noch wie vor fast einem viertel Jahrhundert.

Halben Jahrhundert! In einem Aufsatz von Karl Hirschbold lesen wir über dessen Radiosendung „Achtung! Sprachpolizei!“, die 1952 im ORF auf Sendung ging:

„Die ‚Sprachpolizei‘ geht bei ihren Darbietungen niemals von der Sprachlehre aus, sondern bespricht jeweils nur die Sprachsünden, die dem ‚Sprachpolizisten‘ in den Tagen und Wochen vor der Sendung in Zeitungen, Zeitschriften und Werbeschriften, auf Plakaten, in Schaufenstern, im Rundfunk, usw. aufgefallen sind.
[…] Den größten Erfolg sehe ich darin, daß, wie die täglich einlaufenden Zuschriften beweisen, viele Menschen, die sich früher der Sprache gegenüber völlig gleichgültig verhielten, jetzt aufmerksamer lesen und aufmerksamer zuhören und sich auchs elbst sorgfältiger ausdrücken.“ (Hirschbold 1958)

Kommt uns das nicht bekannt vor?

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Adelung, Johann Christoph: Vollständige Anweisung zur deutschen Orthographie. Leipzig 1788.  (Nachdruck: Georg Olms Verlag 1978)

Adelung, Johann Christoph: Mithridates, oder allgemeine Sprachkunde. Berlin 1806.

Hirschbold, Karl: „Achtung! Sprachpolizei!“ In: Muttersprache, Jahrgang 1958.

Klein, Wolfgang: Der Wahn vom Sprachverfall und andere Mythen. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 16:62 (1986)

4 Antworten

  1. > 220 Jahre Sprachkritik für die Katz’. Ärgerlich.

    Mitnichten!!!😉

  2. sprachnörgelei ist wohl eine sache, die sich leider nicht vermeiden lässt und lassen wird, wenn man in die vergangenheit blickt:/

  3. das fand ich heut ja sehr schön, weiß nicht ob Du’s auch sahst:
    http://ahoipolloi.blogger.de/stories/1232760/

  4. Genaugenommen war diese barbarisch unflektierende Sprache sogar dazu in der Lage, das Plato-affinerer Huron (eine Indianersprache) zu verdrängen und schließlich umzubringen.

    Nein – die Huronen sprechen heutzutage französisch.

    …Wobei der Witz ist, dass manche meinen, das gesprochene Französisch sei eine polysynthetische Sprache mit Präfixketten, genauso wie die ehemalige der Huronen. Die Rechtschreibung täuscht.

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