VDS-Kochstudio

Ein VDS-Argument

Ein VDS-Argument

In einem Punkt stimme ich mit Sprachnörglern wohl überein: Ein akademischer Titel macht noch kein Argument, auch Sprachwissenschaftler können sich irren. Ein sehr anschauliches Beispiel dafür liefert Prof. Dr. Heinz-Günter Schmitz, ehemals Germanist an der Universität Kiel und heute Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des VDS, in den aktuellen Sprachnachrichten. Anschaulich ist es vor allem deshalb, weil es bei Sprachnörglern sehr verbreitet ist, beim VDS sowas wie die Ernährungsgrundlage des Vereins zu sein scheint.

In seinem Artikel auf Seite 5 schreibt Herr Schmitz zum Einstieg:

Vehement wird [von Seiten mancher Hochschulgermanisten] bestritten, daß es eine für die deutsche Sprache und Kultur gefährliche „Flut“ überflüssiger Anglizismen gebe.

In diesem Nebensatz stecken drei Thesen über das Deutsche:
1. Es gibt eine „Flut“ von Anglizismen
2. Die Anglizismen aus dieser „Flut“ sind überflüssig
3. Diese überflüssigen Anglizismen sind gefährlich für die deutsche Sprache und Kultur

Es geht Professor Schmitz um die Thesen 2 und 3, die in der Tat von vielen Sprachwissenschaftlern bestritten werden. Er ärgert sich darüber, dass Peter Schlobinski sie ein „Vorurteil“ nennt und Rudi Keller behauptet, es gäbe „Keinen Grund zur Sorge“. Was bietet er uns nun, um uns zur Annahme seiner Thesen zu bewegen und Schlobinski und Keller zu widersprechen?

Er führt eine Auswertung des IDS’chen Neologismen-Wörterbuchs ins Feld. In demselben finden sich Infos zu 725 sprachlichen Neubildungen, von E-Mail bis Techno. Davon seien 352 rein englisch, weitere 99 kombinierten englische und deutsche Komponenten. Daraus zeigt sich mathematisch korrekt, dass 62,2% der in besagtem Wörterbuch aufgeführten Neologismen „englisches Wortmaterial“ enthalten. Schmitz kommt zu dem Schluss:

Der englische Spracheinfluß ist also überaus intensiv, und er zeigt sich als weitgehender Verzicht auf Lehnübersetzungen. […] Dieser Befund […] macht schlagend deutlich, wie falsch und irreführend die Einschätzung der Sprachsituation seitens der Gegner des VDS ist.

Voila, Thesen hinreichend belegt.

Leider nicht. Professor Schmitzens Taschenrechnerfingerübung belegt allenfalls These 1. Und die ist erst mal Interpretationssache – verstehen wir unter „Flut“ einen sehr großen Anteil englischer Wörter am Wortschatz eines deutschen Sprechers, dann ist These 1 falsch, da dieser Anteil bekanntlich auch weiterhin recht gering ausfällt. Verstehen wir darunter hingegen, dass in den letzten Jahren viele Neubildungen englisch inspiriert waren, dann ist These 1 korrekt, aber unstrittig. Dass unser Wortschatz um viele Anglizismen erweitert wurde, wird kaum jemand bestreiten wollen.

Die wichtigen Thesen für die Position des VDS und die Kritik an Wissenschaftlern wie Peter Schlobinski sind aber 2 und 3. Und dafür liefert uns Herr Schmitz genau gar nichts. Viele Anglizismen machen noch nicht viele überflüssige Anglizismen und schon gar nicht eine Gefahr für die deutsche Sprache und Kultur. Dennoch behauptet er genau das, wenn er die Einschätzung der VDS-Gegner für falsch erklärt. Das ist ein Fehlschluss.

Heinz-Günter Schmitz scheint also einige Annahmen zu machen, die er weder erwähnt noch belegt – nämlich, (a) dass es für viele dieser Anglizismen englisch-freie Synonyme gäbe, (b) dass englische Synonyme zu deutschen Wörtern überflüssig seien, und (c) dass viele Anglizismen und/oder viele überflüssige Anglizismen eine Gefahr für deutsche Sprache und Kultur sein. Es ist völlig unwissenschaftlich, derlei einfach anzunehmen.

Dabei liefert Herr Schmitz gleich belege dafür mit, dass (c) falsch ist: Er nennt als Beispiele für Anglizismen u.a. downloaden, outen und walken, Handy und Servicepoint, auschillen und Newsgruppe. Das zeigt uns dreierlei:

  • Englische Wörter werden einwandfrei in die deutsche Grammatik integriert. Aus to download wird der deutsche Infinitiv downloaden, Flexionsformen gibt es auch allerhand (gedownloadet, downloadeten, usw).
  • Wenn wir Herrn Schmitz zugebenn, dass es sich bei Handy oder Servicepoint tatsächlich um deutsche Worterfindungen handelt, dann integriert das Deutsche den englischen Einfluss sogar so gut, dass es zu ganz eigenen Neubildungen auf Basis dieses Einflusses in der Lage ist. Wenn Integration doch nur auf allen Gebieten so hervorragend verlaufen würde!
  • Die Sprecher des Deutschen sind tatsächlich sogar in der Lage, englische Wörter mit deutschen Wörtern zu neuen Komposita zu verbinden, wie es uns die Newsgruppe veranschaulicht. Auch das zeigt eine hohes Maß an Integration.

Wie kann man nun angesichts dieser Integrationskraft, dieser Vitalität, behaupten, die deutsche Sprache und Kultur sei in Gefahr!? Nun, ganz einfach: Indem man noch eine weitere implizite Annahme in die Debatte schmuggelt, nämlich die, dass deutsche Sprache und Kultur nur dann deutsche Sprache und Kultur sei, wenn sie ganz oder weitgehend frei von englischen Einflüssen ist. Anglizismen gehören dann per definitionem nicht zur deutschen Sprache und Kultur und können daher als Gefahr für diese interpretiert werden. Aber auch diese willkürliche Annahme ist eine, die man keinesfalls mitgehen muss.

Letztlich bleibt von Heinz-Günter Schmitz‘ Thesen nicht viel mehr übrig als unbegründete Annahmen und Fehlschlüsse. Und es zeigt sich, dass auch ein Sprachwissenschaftlicher nicht notwendig die Fähigkeit besitzt, Argumente von Kartoffelsalat zu unterscheiden.

7 Antworten

  1. Sehr schöner Eintrag, anschaulich, detailreich und elaboriert. Klasse! :-))

    ^_^J.

  2. Ganz nebenbei sind die Kartoffeln natürlich ein weiteres Beispiel für die wohlgeratene Integration fremden Gutes in die deutsche Kultur. Und wer hat je zu behaupten gewagt, dass die Erdäpfel eine existentielle Gefahr für die deutsche Küche seien? Da hamwa den Salat.😉

  3. Nach allem, das ich in Erfahrung bringen konnte, ist Schmitz wohl in erster Linie Literaturwissenschaftler, nicht Sprachwissenschaftler. Es gilt also weiterhin: Sprachwissenschaftler irren nie!

  4. Hatte auch gegoogelt, aber nichts genaues gefunden. Laut Sprachnachrichten lehrte Herr Schmitz deutsche Sprachwissenschaft in Kiel.

    Um gewisse Vorurteile in der Germanistik zu überprüfen, wäre es im übrigen schön, mal empirisch nachzuschauen, ob Literaturwissenschaftler (oder: Literatur“wissenschaftler“!?😀 ) für Nörgelthesen anfälliger sind als Sprachwissenschaftler.

  5. Habe jetzt nochmal bei Google Scholar nachgesehen. Schmitz scheint hauptsächlich zum Mittelniederdeutschen gearbeitet zu haben. Da überschneiden sich natürlich die Literatur- und die Sprachwissenschaft, wenn auch sprachwissenschaftlich natürlich das Historische überwiegt. Entsprechend scheint er ja auch ganz bei den Germanisten der ersten Stunde aus dem 19. Jh. zu sein, die ja oft über das Studium der deutschen Sprache sich das reine und ursprüngliche Germanentum erschließen zu können glaubten. Und sowieso ist er als historischer Sprachwissenschaftler natürlich ausgewiesener Experte zum Thema „evil foreign languages from outer space take over our beautiful tongue and enslave everybody.“ Er kennt die historischen Präzendenzfälle.

    Die angeregte empirische Untersuchung könnte wirklich erhellend sein, man bräuchte aber zuerst ein brauchbares Kriterium für den Nörgelthesenstatus.

    Im Übrigen habe ich schon Respekt vor den Literaturwissenschaftlern. Die beschäftigen sich immerhin zum Teil mit Dingen, die ich nie verstanden habe und bei denen ich auch kein Licht sah…

  6. Natürlich nervt es viele Deutsche, vor allem alte Leute, dass so viele Begriffe aus dem Englischen kommen. Die sogennaten Anglizismen seien neumodern und man wisse manchmal gar nicht mehr wovon überhaupt die Rede sei. Meiner Meinung nach müssten viele Begriffe wirklich nicht sein, aber wie soll man sich denn dagegen wehren???Ich benutze jedenfalls nicht alle Anglizismen, denn Begriffe wie “ ein hottes item“ müssen nun wirklich nicht sein…

  7. Was soll „müssen nun wirklich nicht sein“ denn bedeuten!? Es gibt so vieles, das „nicht sein muss“. Aber darf oder sollte man es deswegen gleich nicht tun?

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