Shiver me timbers!

Sprachpfleger

Sprachpfleger

Ahoy, landlubbers! Nachdem wir kürzlich schon den Tag der deutschen Sprache gebührend gefeiert haben, ist es heute zur Abwechslung an der Zeit, einen wirklich wichtigen Feiertag zu begehen. Ins Leben gerufen von den beiden links zu sehenden, sympathischen Sprachpflegern, die schon aktiv waren als es den VDS noch nicht gab. Wieder hat der Feiertag also mit Sprache zu tun, aber nicht mit einer quicklebendigen wie der deutschen, sondern mit einer tatsächlich bedrohten Art. Oder versteht heute noch jemand das hier:

Lift the skin up, and put into the bunt the slack of the clews (not too taut), the leech and foot-rope, and body of the sail; being careful not to let it get forward under or hang down abaft. Then haul your bunt well up on the yard, smoothing the skin and bringing it down well abaft, and make fast the bunt gasket round the mast, and the jigger, if there be one, to the tie.
(Quelle: en.wikipedia.org)

Gut, wirklich von Belang dürfte das inhaltlich nicht sein, aber trotzdem sind Piraten eine gefährdete Spezies. Um darauf aufmerksam zu machen hatte sogar die FAZ jüngst eine Piratenflagge auf der Titelseite. Eine breit aufgestellte Bewegung ist auch nötig, um die Piratensprache am Leben zu halten. Nicht auszudenken, welchen kulturellen Schatz, welche Tradition wir verlieren würden, wenn diese Sprache in Davy Jones Locker versauern müsste.

Schön also, dass es Menschen gibt, die sich kümmern! Noch schöner, dass das Thema auch wissenschaftlich schon aufgegriffen wurde.

Dem Language Log zufolge ist stereotyper Pirate Talk bzw. dessen vermuteter Vorgänger, das „maritime pidgin english“, ein richtiges Beispiel für ein Pidgin – also für die Sorte Sprache, zu der Sprachnörgler das moderne mit Anglizismen verzierte Deutsch erklären. Pidgins sind Kontaktsprachen, die entstehen, wenn zwei Sprechergruppen keine gemeinsame Sprache finden können oder wollen. Solche Situationen entstanden meistens zu Kolonialszeiten zwischen dominanter Gruppe (meist Europäer) und dominierter Gruppe bzw. dominierten Gruppen (alle anderen) – man spricht bei den beteiligten Sprachen daher von Superstrat und Substrat.

Und genau in dieser Grundsituation zwischen Kolonien und sich globalisierendem Handel entstand die Piratenkultur, die wir aus Filmen wie Treasure Island (und freilich dem zugehörigen Buch) oder Pirates of the Caribbean kennen – und damit auch die fragliche Piratensprache. Es gab offensichtlich viele verschiedene Sprechergruppen, die sich verständigen mussten, mit den englischsprachigen Händlern und später Freibeutern als dominanter Gruppe gegenüber den meist unterlegenen Handelspartnern – und Handelsgütern, afrikanischen Sklaven, die in die Karibik verschleppt wurden.

Aus dieser Situation entwickelten sich den Ausführungen des Language Log zufolge nicht nur verschiedene Kreolsprachen wie das Jamaikanische, sondern auch Piratenenglisch, das es freilich nie zum Kreol schaffte. Grundvoraussetzung dafür ist, dass es zur Muttersprache wird. Wir müssen also annehmen, dass die Blackbeards der Geschichte nicht sehr kinderfreundlich waren – vielleicht war das Leben auf rauer See aber auch nichts für die Kleinen und ihre Mamas.

Stimmt nun die These, dass Piratisch aus einem durch den Kontakt von Englischsprechern und unterlegenen Gruppen, zumeist Afrikanern, entstandenen Pidgin hervorgegangen ist? Zumindest weist die Klischeeversion, die uns bekannt ist, einige Pidgin-Eigenheiten auf – reduzierte Grammatik und geringes, spezialisiertes Vokabular. Letzteres speist sich wie im obigen Zitat primär aus den Notwendigkeiten des Lebens auf hoher See und mehr oder weniger freiwilliger Handelssituationen (booty, doubloons, piece of eight).

Grammatisch ist am deutlichsten der Verzicht auf ein größeres Pronomeninventar – die Dativvarianten  der Personalpronomen reichen meistens: (1) Shiver me timbers (2) be me beauty, ye saucy wench! (3) Me be gettin‘ more grog!
Verben muss man nicht groß beugen, der Infinitiv ist ausreichend (4) ye be me booty, lass!, allenfalls braucht man die 1. Person Singular im Simple Present (5) me is the best swashbucklers o’th’seas
Das Verschlucken der Silbencoda, also grob gesagt der letzten Buchstaben einer Silbe wie bei o’th‘ für of the.

Soweit dieses Piratensprachenklischee Rückschlüsse auf die tatsächliche Sprache der Piraten erlaubt, kann ich der These, dass sie aus dem „maritime pidgin english“ entstanden ist, durchaus etwas abgewinnen. Ob es nun stimmt oder nicht – es ist eine gute Gelegenheit, sich über Pidgins Gedanken zu machen, um dem „Pidginenglisch“-Vorwurf der Sprachnörgler zu begegnen.

Und so wie die Sprecher des Deutschen augenscheinlich das Bedürfnis haben, Anglizismen in allen Formen und Farben zu verwenden, hat die internationale Sprachgemeinschaft Gefallen am Piratischen gefunden, sonst wäre dessen Erfolg in den letzten Jahren nicht zu erklären. Reichern wir unsere Sprache also auch noch mit Maritim-Pidgin-Anglizismen an! Hoist the Colors!

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