Noch mehr Übersetzungen (diesmal philosophisch)

Spiegel Online berichtet via duz von den Nachwuchssorgen der akademischen Philosophie. Als ehemals frustrierter Philosophie-Student kann ich diese Sorgen nachvollziehen, nicht aber die Thesen, die die zitierten Philosophen dazu ins Feld führen. Die deutsche Philosophie sei mit der Philosophie der anglo-amerikanischen Kollegen auf Augenhöhe. Vielleicht in den international und öffentlich weniger relevanten Disziplinen. Aber auf den aktuell relevanten, spannenden Gebieten der analytischen Philosophie sind deutsche Beiträge nicht die Norm.

In Ethik-Seminaren oder solchen über die Philosophie des Geistes ist die Sekundärliteratur häufig zum größeren Teil in englischer Sprache verfasst, bei wichtigeren Werken gibt es immerhin Übersetzungen. Auch in der Logik und der Wissenschaftstheorie haben wir nicht mehr soviel zu bieten wie in einem Gutteil des letzten Jahrhunderts. Fragt man hierzulande einen philosophisch interessierten Laien nach bekannten, interessanten englischsprachigen Philosophen bekommt man vermutlich Namen wie Singer oder Chalmers oder Dennett zu hören, die in den letzten 20 Jahren bedeutende Veröffentlichungen vorgelegt haben. Fragt man im angelsächsichen Ausland die umgekehrte Frage dürften Wittgenstein oder Popper genannt werden, die in den letzten 20 Jahren… nun ja, primär tot waren.

Gut, einige wichtige deutsche Vertreter des Genres leben gerade noch so, aber die Öffentlichkeit nimmt sie selten wahr. Es sei denn, sie reden mit dem Papst. Peter Singer hat hierzulande mehr Impact gehabt.

Mir fällt es also schwer, die deutschsprachige Philosophie mit der englischsprachigen auf gleichem Level zu sehen. Und da wäre noch ein zweites Problem, das mit der Sprache selbst zusammenhängen könnte. Der Artikel erwähnt zum Beispiel auch Peter Sloterdijk als wichtigen Gegenwartsphilosophen, was nicht falsch ist, aber das besagte zweite Problem illustriert – wer sich das philosophische Quartett anschaut, merkt: Den Mann versteht keiner. Er drückt sich nicht sehr einfach aus, ist bisweilen etwas arg poetisch. Ich habe jedenfalls noch niemanden getroffen, der die Sendung länger als zwei halbe Folgen ausgehalten hätte.

Das könnte daran liegen, dass Herr Sloterdijk zu gerne formuliert (alte Philosophenkrankheit). Oder auch an der Sprache. Julian Nida-Rümelin wird im Artikel zitiert:

[Nicht jeder Text aber lässt sich ohne Verlust übertragen.] „Es wäre grotesk, wenn in Zukunft alle Arbeiten, die sich mit Kant oder Wittgenstein befassen, auf Englisch publiziert würden und sich am Ende nur noch auf englische Übersetzungen der Originaltexte und englische Sekundärliteratur stützten“

Dass das grotesk wäre, da stimme ich ihm zu, aber ich muss gestehen, dass ich Kant-Texte stets lieber auf Englisch gelesen habe – in der übersetzten Version habe ich sie nämlich verstanden, zumindest besser als im Original. Das gilt noch mehr für Hegel den Schrecklichen, dessen Poesie auf Deutsch für Ungeduldige nicht zu ertragen ist. Man muss erst stundenlange sprachliche Analysen vornehmen, bevor man auch nur daran denken kann, über den eigentlichen Inhalt nachzudenken. Das ist wie im Lateinunterricht, in welchem man mehr puzzelt als übersetzt.

Das ist vermutlich auch dem Umstand geschuldet, dass weder Kant noch Hegel Genies im Schriftstellerhandwerk waren. Aber ich beobachte diese Diskrepanz zwischen deutschen und englischen Texten, egal was Übersetzung, was Original, bei sehr viele Autoren und höre das auch öfter von Kommilitonen. Wenn das stimmt, dann ist die deutsche Sprache entweder an sich schwieriger verständlich zu machen als die englische oder dem Englischsprecher fällt das klare und präzise Formulieren leichter als dem Deutschsprecher, vielleicht weil letztere mehr zur Metaphernsucht neigen o.ä. Oder es ist bloßer Zufall.

Wenn Nida-Rümelin schreibt:

Wir sollten das Deutsche als eine der bedeutendsten Sprachen der Philosophie in den vergangenen 300 Jahren nicht abwerten – und nicht nur Paper, sondern weiterhin auch Bücher auf Deutsch schreiben. Nur so kann die Philosophie ihre kulturelle Bedeutung in Deutschland und Europa bewahren.

… dann mag ich anfügen: Ja, aber macht das in leicht verständlichem Deutsch, klar und präzise, nicht unscharf und metaphernschwanger. (Was sich jetzt nicht direkt auf Nida-Rümelin selbst bezieht.)

Und Julian Nida-Rümelin sei noch darauf hingewiesen, dass er sich mit der Verwendung des Wortes Paper in diesem Kontext für den Sprachpanscherpreis 2009 beworben hat.😉

18 Antworten

  1. Weder Kants noch Hegels Formulierung „unscharf“ oder „metaphernschwanger“. Und wie die meisten philosophischen Texte (solche Leichtgewichte wie die Schopenhauers oder Humes seien hier explizit ausgenommen) sind sie leicht und klar verständlich, wenn man sie einmal verstanden hat; zuvor wirken sie eher hermetisch.

  2. Bitte im ersten Satz noch ein „sind“ ergänzen! Danke!

  3. Wir sollten das Deutsche als eine der bedeutendsten Sprachen der Philosophie in den vergangenen 300 Jahren nicht abwerten – und nicht nur Paper, sondern weiterhin auch Bücher auf Deutsch schreiben.

    Gilt das denn auch für Latein als eine der bedeutendsten Sprachen der Philosophie in den letzten 2000 Jahren?

  4. Und den Satz nicht zu lang machen wie bspw im Hyperion von Friedrich Hölderlin – ok ist zwar lange Zeit her, aber trotzdem ist es anstrengend zu lesen!🙂

  5. Falk sagt:
    [I]ch muss gestehen, dass ich Kant-Texte stets lieber auf Englisch gelesen habe – in der übersetzten Version habe ich sie nämlich verstanden, zumindest besser als im Original. Das gilt noch mehr für Hegel den Schrecklichen, dessen Poesie auf Deutsch für Ungeduldige nicht zu ertragen ist.

    LOL! Und ich dachte immer, das ginge nur mir so. Aber ich habe mich insgesamt dann doch zähneknirschend dazu überredet, mich durch die deutschen Originale zu kämpfen.

    Wozu ich aber sehr schnell überging, ist, französische Philosophie (mein Steckenpferd) in den englischen Übersetzungen zu lesen statt in den deutschen — und dabei werde ich vorläufig auch bleiben, da ich erst letzten März Französisch zu lernen begann. Die Originaltexte ebenso wie ihre englischen Übersetzungen sind zum Teil schon exorbitant schwer zu verstehen, aber die deutschen Übersetzungen verhelfen darüber hinaus dem Begriff „opak“ zu bislang unerforschten Bedeutungsdimensionen.

    ^_^J.

  6. @bonaventura
    „sind sie leicht und klar verständlich, wenn man sie einmal verstanden hat; zuvor wirken sie eher hermetisch“
    Eben. Das ist doch genau das, was ich gesagt habe.🙂

    @David
    Naja, immerhin gibt es für deutsche Bücher noch eine ganze Reihe potentieller Rezipienten.🙂

    Englische Texte empfinden viele Studenten leider wirklich als abschreckend – mit deutschen Büchern kann man leichter „ködern“.

  7. Nö, was Du gesagt hats, ist dass sie „unklar“ und „metaphernschwanger“ sind. Und das stimmt weder für Kant noch für Hegel. Das stimmt für Nietzsches „Zarathustra“ — und der Unterschied dürfte selbet dem Laien klar werden.

  8. Nö, das bezog sich doch gar nicht direkt auf die beiden Herren.

    Im übrigen hast du die 90% Philosophie-Studienabbrecher (und mich) gegen dich und deine Behauptung, die genannten Herren seien leicht und klar verständlich. Du könntest freilich trotzdem recht haben, und die 90%+1 könnten bloß zu doof/unkonzentriert/faul/o.ä. sein, aber… hmm, ich vertraue da lieber der Statistik.

    Die Probleme des Faches Philosophie, die im zitierten Artikel genannt werden, behebt man nicht dadurch, dass man eine der großen Einstiegshürden einfach als nicht-existent postuliert.

  9. Was? Kant und Hegel haben ihre Werke ursprünglich gar nicht auf Englisch verfasst? Und ich habe mich immer über die schlechten deutschen Übersetzungen geärgert…

  10. „Die Philosophie ist ihrer Natur nach etwas Esoterisches, für sich weder für den Pöbel gemacht noch einer Zubereitung für den Pöbel fähig; sie ist nur dadurch Philosophie, daß sie dem Verstande und damit noch mehr dem gesunden Menschenverstande, worunter man die lokale und temporäre Beschränktheit eines Geschlechts der Menschen versteht, gerade entgegengesetzt ist; im Verhältnis zu diesem ist an und für sich die Welt der Philosophie eine verkehrte Welt.“

    Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Über das Wesen der philosophischen Kritik überhaupt …

    Ist doch eigentlich klar, weitgehend metaphernfrei und verständlich, oder? Seltsam, dass sich bei der Mathematik keiner über die Unverständlichkeit der Formeln beschwert. „Wer’s nicht greifen kann, lässt’s bleiben!“

  11. Lustig, ich habe gerade über Ähnliches nachgedacht und gar geplant, darüber zu bloggen und auf ein mal poppt in meinem Feedreader dieser Beitrag auf…

    Deshalb an dieser Stelle ein paar, sehr vorläufige, Gedanken:
    Ich denke, der Unterschied liegt auch in unterschiedlichen Wissenschaftskulturen begründet. John Searle sagte mal in einem Interview:
    „Mit Michel Foucault habe ich einmal über seine dekonstruktivistischen Kollegen gesprochen. Er nannte das, was Jacques Derrida macht, obskuranten Terrorismus. Ein böser Spruch besagte: Derrida is someone who gives bullshit a bad name. Als ich Foucault darauf ansprach, dass auch er recht verschlüsselt schreibe, sagte er, dass gehe in Frankreich nicht anders, man gelte sonst als kindisch. Zumindest zehn Prozent eines Werkes müssten unverständlich sein. Pierre Bourdieu meinte darauf, es seien wesentlich mehr als zehn Prozent.“
    In Deutschland ist das möglicherweise nicht so wahnsinnig anders, wenn auch abgeschwächt. Erst heute sagte ein Prof zu mir, Dissertationen und Habilitationen seien die furchtbarsten Bücher, weil jeder immer zeigen müsse, wie sehr es doch drauf habe und sich dabei in diversen Unverständlichkeiten ergehe.
    Im englischen Sprachraum hingegen scheint Verständlichkeit als Tugend zu gelten. Gerade Searle ist ein gutes Beispiel. „Sprechakte“ etwa behandelt ja nun wirklich keine einfache Materie, bemüht sich aber permanent, verständlich zu bleiben und ist zudem streng systematisch aufgebaut (obwohl er das Buch einen „Essay“ nennt). In dieser Form ist mir das bei noch keinem Franzosen vorgekommen. Bei denen werden die Sätze ja schon mal lang und kryptisch und zudem wird keine Möglichkeit ausgelassen, die zahlreichen Homophonien des Französischen für diverse Sprachspielereien auszunutzen (Stichwörter: „différence/différance“, „le nom/non du père“, „m’être/maître“).
    Ich könnte mir durchaus vorstellen, das die deutschen und französischen Philosophen auch so etwas wie eine Scheu vor dem praktsich Anwendbaren, dem scheinbar „Banalen“ haben (klingt ja auch in dem Aritkel an), während ihre englischen Kollegen es gerne etwas praktischer mögen, was sich möglicherweise auch in einer einfacheren Sprache ausdrückt.

    Eine andere Argumentationslinie könnte entlang der Eigenarten der jeweiligen Sprachen führen. Das Deutsche mit seiner prädikativen Rahmung neigt nun mal zu komplizierteren Strukturen (das ist ja auch genau das, was einem bei Kant immer Probleme bereitet). Syntaktisch scheint das Französische näher am Englischen zu liegen, hat aber eben wieder andere Eigenheiten (s.o.), die es möglicherweise „leichter“ machen, unverständlich zu formulieren😉. Interessant wäre es in diesem Zusammenhang, sich Schriften von Philosophen aus Québec anzusehen, die zwar auf Französisch aber in einem klar angelsächsisch orientierten Wissenschaftskontext entstanden sind.

    Aber, wie gesagt, das sind alles nur so vorläufige Gedanken um 1 Uhr früh, zerfleischt mich nicht😉.

  12. LOL, woran erinnert mich das …

    Was hat der Mathe-Einwand mit dem Thema zu schaffen? Es geht nicht um „Jargon“ bzw. Fachsprache, sondern um die Bevölkerung der deutschsprachigen philosophischen Textwelt mit syntaktischen Monstern und Leviathanen. Überhaupt, ich halte Kant oder Hegel inhaltlich für keinen Deut schwieriger (oder weniger schwierig) als Nietzsche oder Wittgenstein — aber bei letzteren begreife ich viel schneller, was ich nicht verstehe. Ein Vorgang, der letztendlich nicht nur schneller zum eigentlich Interessanten vorstößt, sondern auch spürbar produktiver ist. Und die nötige syntaktische (Ent-)Fummelsarbeit bei Kant oder Hegel, bis die inhaltlichen Fragen halbwegs sichtbar & diskutierbar werden, nehmen englische Übersetzungen einem oft ab … ich denke, das ist so ungefähr das, was Falk sagen will, und dem schließe ich mich, auf dem Hintergrund zahlloser Erfahrungen in dieser Richtung, uneingeschränkt an.

    ^_^J.

  13. >> Aber ich beobachte diese Diskrepanz zwischen deutschen und englischen Texten, egal was Übersetzung, was Original, bei sehr viele Autoren und höre das auch öfter von Kommilitonen. Wenn das stimmt, dann ist die deutsche Sprache entweder an sich schwieriger verständlich zu machen als die englische oder dem Englischsprecher fällt das klare und präzise Formulieren leichter als dem Deutschsprecher, vielleicht weil letztere mehr zur Metaphernsucht neigen o.ä. Oder es ist bloßer Zufall.

    Der Übersetzer kann oft auf das Wissen anderer Experten zurückgreifen, die bereits das Werk studiert und dazu publiziert haben. Der Autor dagegen ringt beim allmählichen Verfertigen der Gedanken beim Schreiben oft mit der erstmaligen Formulierung (jedenfalls wenn er etwas Neues zu sagen hat) und muß sich möglicherweise sogar ein eigenes Vokabular schaffen.

    Es soll einen mathematischen Beweis geben. dessen erste Fassung 600 Seiten benötigte, die zweite unter 100, die dritte 12. Das erneute Durchdenken scheint einen Kondensations- und Klärungseffekt zu haben, und das wohl nicht nur in der Mathematik.

  14. Sloterdijk hat sich wegen chronischer Wortbesoffenheit doch selbst noch nicht begriffen. Dazu müsste er erst einmal runterkommen von seinem Trip.

    Seit Plato sei alle Philosophie sowieso nur noch Fußnote, hat der Alfred North Whitehead mal irgendwo gesagt. Und wenn an deinem Bißgen nichts Sonderbares ist, sagt wiederum Lichtenberg, dann sage es zumindest ein bißgen sonderbar. So kommt es also zum ‚Begriffs-Hegelei‘ wie zum ‚Foucaultschen Labyrintheln ‚. Die Sprache wird dann Teil der schulbildenden Markenarchitektur …

  15. Ersetzt bitte einmal ‚zum‘ durch ‚zur‘ …

  16. Naja, also dass Foucault nur Althergebrachtes etwas sonderbarer formuliert, das würd ich stark bezweifeln. Ich finde seine Gedanken eigentlich ziemlich revolutionär und ganz bestimmt nicht durchweg unverständlich. (Manchmal schon, das gebe ich zu, aber das hat er ja auch selber gesagt, s.o.)
    Labyrinthisch? Schon, aber wer will denn immer nur über gerade Straßen gehen.😉

    Generell muss man, so denke ich, auch unterscheiden zwischen der Schwierigkeit, die einem etwa ein Text von Kant beim Lesen macht und der Schwierigkeit von Texten diverser postmoderner Autoren. Kants Texte fühlen sich für mich durchaus an, als hätte er sich bemüht, möglichst verständlich zu schreiben, leider mit zweifelhaftem Erfolg🙂.
    PoMos (zumindest einige) hingegen setzen meiner Meinung nach ganz bewusst Mehrdeutigkeiten, Metaphern und Ironie ein um im Leser die Unsicherheiten zu erreichen, die die dargestellte Theorie beschreibt. Der Stil gehört somit tatsächlich zur Theorie.
    Ich denke, man muss sich manchmal auf solche „unverständlichen“ Texte, egal ob von Kant, Hegel, Foucault, Deleuze oder sonst wem, einfach einlassen und eben ein wenig puzzeln, freilich, ohne alles, was man da zusammenpuzzelt, gleich als unverückbare Wahrheit anzusehen. (Denn dass speziell von sog. postmodernen Autoren auch jede Menge Blödsinn verzapft wird, das will ich ja gar nicht prinzipiell bestreiten…)

  17. @gyokusai
    Sehr präzise formuliert. Habe nichts hinzuzufügen!🙂

    @unoriginal
    Das stimmt für Übersetzungen von Klassikern sicherlich oft genug, aber es sind ja nicht bloß diese, bei denen man (ich) einen drastischen Verständlichkeitsunterschied ausmachen kann. Das gilt vielmehr auch für zahlreiche aktuelle Veröffentlichungen – ich lese lieber ein englisches Original als ein deutsches Original. Auch bei Übersetzungen aktueller Bücher greift ihr Erklärungsansatz nicht so gut.

    @jordroek
    Danke für das Searle-Zitat, das trifft es richtig gut.😀
    Ich finde die Analyse der verschiedenen Wissenschaftskulturen sehr treffend, gerade in Hinblick auf die Philosophie – im angelsächsischen Raum ist die analytische Philosophie äußerst einflussreich, die Kontinentalphilosophie hingegen schwimmt heute gerne in der Metaphysik. Hier gibt es immer noch (oder wieder) diesen Ansatz der Welterklärung, über den die Philosophie eigentlich schon längst hinaus ist, sprich: der linguistic turn ist in der BRD und vielleicht auch in Frankreich nicht so recht angekommen.
    Ich erinnere mich an zwei Interviews mit Thomas Metzinger (http://www.zeit.de/2007/34/M-Seele-Interview und https://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/;art304,2318707) – in den Kommentaren und manchen Forenbeiträgen dazu wird sein analytischer, naturwissenschaftlich orientierter Ansatz ganz schön runtergebuttert, und als Alternative bekommt man Metaphysik, irgendwas Esoterisches geboten, das schön und hochtrabend klingt.

    Ist wie mit den Vorwürfen der Sprachnörgler an die Sprachwissenschaft – Emotion ist einfach cooler als Empirie.

    Ich frage mich aber ebenfalls, welche Rolle die Sprache dabei spielt – ist es bloßer Zufall, dass Klarheit im Ausdruck im Englischen gefragter ist als im Deutschen, liegt es an der (geistes)wissenschaftlichen Tradition oder liegt es auch an den Sprachen? (Im Extrem etwa so: http://en.wikipedia.org/wiki/Linguistic_determinism)

    Ob man sich mit Kant und Hegel auseinandersetzen „muss“, das möchte ich übrigens bezweifeln. Es macht sicher auch mal Spaß, sich mit deren Texten zu beschäftigen – das ist schließlich eine echte Herausforderung. Aber wenn man einfach nur wissen will, was ihre Standpunkte und Ansätze waren, dann ist man mit modernen Zusammenfassungen in egal welcher Sprache mMn besser beraten.
    Dass man sich als Philosophiestudent mit Kant selbst beschäftigt haben müsse, ist so ein, ich nenne es mal Dogma, das ich ganz absurd finde. Ich habe ein (englisches) Genetics-Textbook – wenn das nach dem gleichen Prinzip aufgebaut wäre wie die deutsche Philosophie es manchmal zu sein scheint, dann gäbe es statt zwei knapper Seiten mindestens zwei Kapitel zu Mendel, komplett mit Originaltexten, 27 zeitgenössischen Kommentaren und 35 Interpretationshilfen.

  18. @Falk: Thomas Metzinger war mir bisher noch nicht bekannt. Danke auf jeden Fall für die interessanten Interviews. Etwas eigenartig finde ich allerdings schon, dass er einerseits alle „transzendenten Wurzeln“ der Geisteswissenschaften abschneiden will, dann aber doch wieder eine „radikale Offenheit“ für das fordert, über das man nicht reden kann. „Sachen, die man vielleicht in einer unberührbaren Stille erlebt und am besten da lässt.“
    Soll man das so verstehen, dass es zwar Dinge gibt, die man nicht erklären kann, dass diese aber niemals Gegenstand einer wissenschaftlichen Diskussion werden dürfen? Das scheint für mich auf den ersten Blick die einzige Lösung dieses Widerspruchs, wobei ich auch diesem Widerspruch an sich durchaus etwas abgewinnen kann😉.

    Dass man als Philosophiestudent Kant gelesen haben muss, mag ein Dogma sein. Kanonisierungen sind natürlich immer problematisch, aber ich denke, es ist auf jeden Fall lohnenswert, zumindest einmal an Kant 9im Primärtext vorbeigekommen zu sein, einfach um mal einen Einblick in seine Denkweise, seine Methode gehabt zu haben. (Aber das sage ich als Nicht-Philosophiestudent)

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