Kleine Beobachtung: Übersetzungswirrwarr

In den letzten Jahren las man häufiger Kritik über die zahlreichen englischen Filmtitel in deutschen Kinos. Der Originaltitel wird häufig übernommen, was Anglizismenmuffeln natürlich nicht gefällt. Noch krasser ist die Situation bei den PC- und Videospielen, deren Titel praktisch nie eingedeutscht werden und auch in den 80ern und 90ern so gut wie nie eingedeutscht wurden. Weltrauminvasoren und Super Mario Brüder gab es damals schon nicht, auch keine alternativen deutschen Namen.

In der Filmwirtschaft gibt es allerdings den Trend, zumindest solche Titel zu ändern, von denen man annimmt, dass sie hierzulande kaum jemand verstehen würde. So wird aus A Bug’s Life in deutschen Kinos Das große Krabbeln. Oder es wird ein anderer englischer Name gewählt, wie im Falle der Miss Congeniality (US) bzw. Miss Undercover (D). Dazu kommen kombinierende Filmtitel, bei denen englische und deutsche Phrasen einträchtig nebeneinander existieren, etwa beim letzten Pirates-Film. Ich erinnere mich an ein Interview mit Thomas Menne von Buena Vista International, der sagt, dass diese Varianten verwendet würden, „um [den Filmtitel] so breit verständlich wie möglich anzulegen.“

Die Spieleindustrie scheint das anders zu sehen, denn diese Möglichkeiten werden nicht ausgeschöpft. Original und deutsche Version unterscheiden sich allenfalls im Gewaltgehalt, aber nicht namentlich, auch nicht im Untertitel. Das scheint nicht bloß daran zu liegen, dass man Gamern mehr Englisch zutraut, denn Casual Games, also Spiele, die für eine breite Zielgruppe angelegt sind, werden ebenfalls selten übersetzt: Spore (das versteht wohl kaum jemand), Sim City Societies, Wii Sports, Wii Play, und von den teilübersetzten Sims gibt es Home– und Fashion-Accessoires und Open for Business. Auch Pro Evolution Soccer bleibt trotz urdeutschem, breitentauglichen Thema englisch.

Ganz anders bei Büchern: Englische Titel kann man lange suchen – außer Wolf Schneiders „Speak German!“ wird man kaum welche in den Bestsellerlisten finden.

Einigkeit herrscht also keine darüber, was man deutschen Kunden zumuten kann und was nicht. Und die Meinungen gehen noch weiter auseinander:

In den vergangenen Jahren machte die Spieleschmiede Blizzard sich bei zahlreichen Fans unbeliebt, indem sie nahezu alle Begriffe in ihrem Bestseller World of Warcraft gnadenlos eindeutschte. Aus der Zwergenstadt Ironforge wurde Eisenschmiede, aus Stranglethorn Vale wurde das Schlingdorntal, aus Undercity die Unterstadt, aus dem Warchief des Warsong Clans, Grom Hellscream, wurde doch tatsächlich Grom Höllenschrei, Häuptling des Kriegshymnenklans.

Das Kontroverse daran ist nicht nur, dass es sich um Eigennamen handelt, sondern diese Namen seit Jahren in ihren englischen Versionen bekannt sind. Die Warcraft-Reihe startete schon 1994 und ist neben den zahlreichen Spielen auch durch zugehörige Romane bekannt geworden. Dort wie auch in der Anfangszeit von World of Warcraft las man im Deutschen von englischen Helden und Orten. Und plötzlich wird alles übersetzt, weil den Zuständigen ganz spontan eingefallen war, dass deutsche User die Spielwelt sonst schlecht oder gar nicht verstehen könnten.

Für viele Fans war das unerträglich – nicht nur, dass vieles plötzlich anders hieß als vorher, es fühlte sich auch noch arg albern an, etwa so, wie wenn englischsprachige Bands in Deutschland deutsch sängen oder Kapitän Picard auf der USS Unternehmung mit Krümmungsantrieb das Weltall durchfliegen würde. Folge: Babylonisches Sprachgewirr auf den Servern, weil viele Alteingesessene sich den englischen Sprachpatch saugen, andere, vor allem Neueinsteiger auf Deutsch spielen.

„Kommst du mit in die BFD?“
„Was’n das!?“
„Ei, Blackfathom Deeps.“
„Ah, ok, Schwarzfelstiefen. Da bin ich zu low für.“
„Neeee, nicht Blackrock Depths! In die Instanz in Ashenvale, kA wie die auf Deutsch heißt!“
„Ashenwas? Wo!?“
„Der Nachtelfenwald. Da am Strand!“
„Ahso, die Tiefschwarze Grotte im Eschental…“

Man kommt also doch noch zusammen, aber vereinfacht hat die Übersetzung das Spielen nicht. Noch schlimmer:

Im Rollenspiel Oblivion findet man Gegenstände wie den Schw.Tr.d.Le.En.W. – das soll ein Großer Heiltrank sein, den man wörtlich übersetzen wollte, aber nicht genug Platz auf dem Bildschirm dafür hatte. Also ist die Originalversion beliebter als der deutsche Titel.

Auf diese ganzen unterschiedlichen Herangehensweisen bin ich gekommen als mir kürzlich (wieder) auffiel, dass Zahlen in englischen Spieletiteln stets deutsch ausgesprochen werden: Civilization Vier: Colonization – nicht Civilization Four: Colonization. Das scheint gut zusammenzugehen, auf die Idee, Zahlen angelsächsisch auszusprechen kommt so gut wie niemand.

Lernen wir aus dieser simplen Aufzählung etwas? Ja, wir lernen, dass es keine scharfe Grenze zwischen Englisch und Deutsch, Englischverständnis und Deutschverständnis gibt. Die Sprecher des Deutschen gehen sehr flexibel mit englischen Namen und Titeln um – es bereitet kaum jemandem Probleme, hier mit der einen, dort mit der anderen Sprache oder mit beiden gleichzeitig umzugehen. Das widerspricht dem verbreiteten Sprachinseldenken, das klare Trennlinien sieht. Die gibt es schon lange nicht mehr, die Sprecher sind schon viel weiter.

Krampfhafte Versuche des Eindeutschens tragen oft eher zur Verwirrung bei als dass sie den Kunden helfen würden. In Ländern, für die sich eine komplette Lokalisation kaum rechnen würde, werden die originalversionen gespielt bzw. geschaut, mit oder ohne Untertitel. Das scheint weder den Verkaufszahlen noch der heimischen Sprache noch den sprachlichen Fähigkeiten der Sprecher zu schaden – im Gegenteil, sie lernen die Fremdsprache Englisch viel effektiver.

12 Antworten

  1. „Sie haben ein Gesundheitspaket aufgesammelt.“

    Arrgh.

    Gesehen in einer deutschen Unreal-Tournament-Version vor der Patch-Orgie. Nett in UT ist auch „Entriegeln“ für (Server-)Disconnect. Das ist fast so gelungen wie „Verleger öffnen“ aus Quark XPress für Mac … *

    ^_^J.

    * Gemeint ist das Öffnen des Standard-Editors zur Bildbearbeitung. Klingt wie ein Neubewortungsvorschlag aus dem Arsenal der Aktion Lebendiger Quack.

  2. Also, ich bin ja ein spät Dazugekommener, in WoW (seit November 2007, vorher habe ich mich immer geweigert, Gebühren für Spiele zu zahlen) und muss sagen, ich finde die Eindeutschung toll, mir erleichtert es die Orientierung, speziell weil die englischen Begriffe in WoW kaum aus den 600 Standardvokabeln bestehen, mit denen man 95% der befriedigenden Konversationen betreiben kann. Und, ähnlich wie in der Debatte Fuchs/Feuerstein, bewundere ich in WoW weniger das „dass“, als das „wie“. Da sitzen Leute mit viel Verstand und Sprachgefühl! Nicht zuletzt ist Blizzard insgesamt eine Firma, die sich einer nahezu fehlerfreien deutschen Sprache bedient – nix mit Internet- oder PC-Legasthenie gepaart mit LMAA-Denke. Von mir also uneingeschränktes Lob. Naja, eine Kleinigkeit: Die Bank in SW (das ist ja in beiden Sprachen gleich …) heißt „Zählhaus“. Das müsste nach meinem Gefühl Zahlhaus heißen …

  3. Ich finde die Übersetzung auch nicht schlecht, aber unnötig und zu spät gekommen. Wenn man jahrelang die Originalnamen kennt und sich dann von heute auf morgen komplett umstellen muss, ist das sehr… naja, zumindest ungewohnt, für mich auch unschön.
    Eigennamen zu übersetzen kann sinnvoll sein. Der Herr der Ringe – jedenfalls in der alten Übersetzung, bei der neuen weiß ich’s nicht – wurde auch eingedeutscht, aus Baggins wurde Beutlin, aus Rivendell Bruchtal, und hier fand ich es gut, weil es dadurch mehr wie ein Märchen als wie ein Fantasy-Schinken wirkte.

    Aber da kam die Übersetzung rechtzeitig und wurde nicht erst mit den Filmen aus Marketing-Gründen geändert.

    Ob die deutschen namen die Orientierung erleichtern? Ich weiß nicht recht. Stranglethorn Vale habe ich mir auch nie ins Deutsche übersetzt und spontan auch nicht verstanden, trotzdem war es kein Problem für mich, es zu finden.😉

  4. Spore (das versteht wohl kaum jemand)

    Der Titel ist doch vorbildlich eingedeutscht — soll man den runterverblöden, damit auch jeder merkt, dass es schon deutsch ist und sich vielleicht mehr Gedanken über die Bedeutung macht?

    Meine These wäre ja, dass Computerspiele schon in erster Linie mehr von Assoziationen leben und sprachliche Verständlichkeit schon im Titel darum weniger wichtig erscheint als bei Büchern, weswegen man sich assoziative, weniger verständliche Titel einfach eher leisten kann. Filme sind irgendwo dazwischen, und vermutlich hängt es auch von der Art des Films ab (Plot- gg. Effekte-Filmemacherei🙂
    Die Ansprüche an den Titel sind also andere, darum kommen auch andere (fremd)sprachliche Möglichkeiten zum Einsatz.

    Dazu gehört es zur Entwicklungsgeschichte, dass Spiele anfangs grundsätzlich unübersetzt hierhin importiert wurden; deutsche Titel für Software wecken eher Andeutungen an Steuerrechner oder Data-Becker-Krimskrams. Ist jedenfalls mein Eindruck.

  5. Hehe, stimmt, Spore unter den unübersetzten, englischen Titeln aufzuführen ist ziemlich albern.😀 Ich dachte nur, es widerspricht der These, dass man Titel so ändern müsste, dass sie generell verstanden würden. Spore ist da als Name für ein Spiel nicht sehr vielsagend.

    Was meinst du denn damit, dass Spiele mehr von Assoziationen leben?

  6. Noch mal was Praktisches: Wenn ich mich nicht irre, kann man bei WoW entscheiden, in welcher Sprache das Spiel installiert wird (man hat zumindest beim Download explizit die Wahl). Da die Namen sicher nur clientseitig angezeigt werden, sollte das Spiel dann selbst auf einem deutschen Server in englischer Sprache laufen. Ich sehe auch gelegentlich englische Mat-Posts auf meinem Server (Teldrassil). So sollte alles im Originalzustand bleiben.

  7. Richtig, so kann jeder spielen wie er will. Situationen wie die oben beschriebene kommen aber genau dadurch zustande – müssten alle auf Deutsch spielen, wäre das wohl unproblematischer.

    Ich wollte bloß auf die ganzen Unterschiede im Umgang mit englischen Titeln hinweisen, nicht dafür votieren, dass Englisch besser sei als Deutsch oder umgekehrt. Ich hoffe, das war nicht zu missverständlich.🙂

  8. @Falk: Nee, war es nicht.
    Aber bei der Nörgelei über zu viel oder zu wenig englisch darf man ja ruhig auch den von den Streitenden ausgelassenen Teil der Argumentationskette prüfen😉. Denn was soll das ganze Lamentieren (nicht hier, aber schon oft gehört), wenn es keinen Zwang gibt und jeder eh machen kann was er will? Ich glaube eher, dass es eine Klassenfrage ist: Da wollen sich welche als die besseren, echteren, originaleren Spieler darstellen. Und das geht z.B. über Namedropping.

  9. Vielleicht ist „Assoziationen“ auch der falsche Begriff. Eigentlich wollte ich wohl sagen, dass Spiele (wie manche Filme) nicht unbedingt davon leben müssen, ihre Geschichte auf sprachlicher Ebene zu verkaufen und darum Sprache als Instrument anders nutzen können. Das betrifft natürlich am ehesten den Titel, der an sich keine Funktion hat außer als Kaufanreiz zu dienen — für ein Buch fände ich da einen unklaren Titel schwierig, bei einem Spiel soll er dagegen eher Stimmung erzeugen. Wie auch innerhalb des Spiels Sprache nicht so zentral ist, um die Geschichte voranzutreiben, wie in einem Buch.

    Vielleicht könnte man sogar sehen, dass plotlastige Spiele (Adventures?) eher eingedeutschte Titel bekommen; bei einem Ego-Shooter, bei dem der Plot keine Rolle spielt, hat der Titel keinerlei erklärende Funktion, weil es wenig sprachlich zu vermitteln gibt (außer eben Stimmung). Nörgler würden vermutlich mit den nur vermeintlich cooleren Anglizismen kommen, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Spiele wirklich gewinnen würden, wenn sie „Untergang“ oder „Fall Krisengebiet“ hießen (auch wenn Operation Flashpoint vermutlich auch keiner auf Anhieb versteht).

  10. Gibt ja hier zwei Stränge, ich noch mal zu meinem:
    Gestern lobe ich Blizzard noch, heute muss ich auf ihrer Webseite Folgendes lesen:
    „In einer Gruppe müssen die Mitspieler unbedingt informiert werden, falls ein Mitglied erfurchtet wird. Zum Beispiel mit der kurzen Zeile „erfurchtet“.
    Tsts. Hinweis für die, die das Spiel nicht kennen: Blizzard meint „gefeart“. Oder „gefeared“ – das sagt einem ja immer keiner. Äh, nie einer.

  11. @kamenin
    Guter Punkt. Die Diskrepanz zwischen englischem Titel und deutschem Inhalt ist bei Büchern sicherlich krasser als bei PC-Spielen. Mal darauf achten, wie sich das in nächster Zeit entwickelt, da die Spiele immer künstlerischer und erzählender werden.
    Ein Paradebeispiel für ein erzählendes Spiel ist z.B. GTA – und das ist grundsätzlich nur untertitelt, alles andere bleibt englisch.

    @Wolfgang Hörnig-Groß
    Ohje, das ist absurd. Da hat man ein perfekt angepasstes Lehnwort in eine völlig unangepasste Lehnübersetzung verwandelt.
    Naja, solang’s eine Ausnahme ist.

  12. GTA ist auch ein interessanter Fall. Vielleicht liegt es da aber etwas spezieller, weil die Macher enorm viel Aufwand für die Audioumsetzung betreiben. Da es, wenn ich richtig informiert bin, inzwischen Firmenpolitik ist, die Spiele unzensiert in Deutschland rauszubringen, und die deshalb nur noch indiziert erscheinen (und politisch-rechtlich fast schon unter Verbotsvorbehalt), ständen Aufwand und Nutzen/Risiko wahrscheinlich in keinem guten Verhältnis. Zumal es die Eindeutschung der Untertitel dagegen fast umsonst gibt und funktional vollkommen ausreicht, um die Geschichte zu erzählen und Anweisungen mitzuteilen.

    Immerhin bleiben uns so Bushido und Heinz Hönig als GTA-Synchronsprecher erspart🙂

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