Wowereit ausgezeichnet

Klaus Wowereit darf sich seit gestern über den schönen Titel „Sprachpanscher des Jahres 2008“ freuen. Ursprünglich als Negativ-Award gedacht, kann man diesen Preis guten Gewissens als Auszeichnung betrachten, wenn man sich die Ignoranz des verleihenden VDS vor Augen führt. In diesem Sinne kann man Herrn Wowereit durchaus gratulieren zu diesem Ritterschlag.

Dem VDS geht es natürlich mal wieder um Anglizismen. Es gibt zwar auch genug andere sprachnörgelrelevanten Themen, aber derer hat sich dieser Sick ja schon angenommen. Außerdem müsste man dafür recherchieren und sich womöglich mehr oder weniger wissenschaftliche Gedanken machen. Lieber nicht, Anglizismen verkaufen sich sowieso besser. Welch Ironie.

Man muss sich das einmal überlegen: Der VDS verleiht den Preis nach eigenen Worten für „besonders bemerkenswerte Fehlleistungen im Umgang mit der deutschen Sprache“ seit 1997 – Wowereit ist somit der zwölfte Titelträger und alle(!) Gewinner wurden aufgrund ihres Anglizismengebrauchs zu solchen erkoren. Wenn mehr oder weniger glückliche Verenglischungen in dieser langen Zeit die bemerkenswertesten Fehlleistungen im Umgang mit dem Deutschen waren, dann

a) kann es um das Deutsche nicht sehr schlecht bestellt sein oder

b) arbeitet der VDS auf einem unglaublich basalen und vor allem unerträglich unkreativen Niveau.

Klaus Wowereit jedenfalls soll nun seinen Kopf für den Slogan Be Berlin hinhalten, mit dem die Hauptstadt seit März diesen Jahres wirbt. Warum sie das tut hat beim VDS natürlich keinen interessiert. Dabei sollte es bei der Bewertung des Spruches fairerweise eine Rolle spielen.

Man kann es sich denken: Berlin ist Weltstadt, gilt als offen und tolerant, das will man natürlich unterstreichen. Auf der Kampagnenhomepage heißt es:

„Berlin ist einzigartig, tolerant, weltoffen, lebens- und liebenswert. Berlin ist Alltag und wilde Party, Kiez und Kultur. Zuweilen rau, aber immer ehrlich und mit Herz. Und Berlin ist immer in Bewegung. Keine andere Stadt der Welt verändert sich so rasant, leicht und unkompliziert und behält dabei trotzdem ihren so eigensinnigen und unverwechselbaren Charakter.“

Dieses Bewusstsein, so heißt es weiter, wolle man bei den Berlinern stärken. Nun liegt der Einspruch nahe, Berliner erreiche man am besten auf Deutsch. Und genau das macht man auch, siehe obiges Bild – der allergrößte Teil der Kampagne findet auf Deutsch statt. Und wenn man ihnen verdeutlichen will, dass sie Weltbürger seien, dann ist die Weltsprache Englisch auch gar nicht mehr so verkehrt. Außerdem ist eine Imagekampagne natürlich auch immer eine nach außen. AP (hier in USA Today) schreibt:

„After several months, the campaign will extend to the rest of Europe and other countries around the world. The city is funding the campaign in hopes of enticing a greater number of tourists and investors to the German capital.“

Da bietet ein englischer Slogan doch offensichtliche Vorteile. Nicht dass Deutsch für diesen Zweck unmöglich wäre, aber schwerer hätte es Sei Berlin international vermutlich schon. Weiter lesen wir:

„The „Be Berlin“ campaign is designed to create associations with the city’s lively present rather than the dark, if fascinating, role it played in the 20th century, said Carola Bluhm, head of the Left Party’s parliamentary group in the city council.“

Berlin will demnach als moderne Stadt beliebter werden, statt als Hintergrund von Zweitem Welt- und Kaltem Krieg. Die deutsche Sprache mit letzteren in Verbindung zu bringen, das Englische mit Ersterem, ist sicher eine Steilvorlage für jeden Sprachnörgler. Ob man diese Assoziation angehen kann, indem man verbissen gegen das Englische statt locker für das Deutsche kämpft, wie es der VDS ständig macht, scheint mir allerdings mehr als fraglich.

Das gleiche Bild auf Platz 2. Ann Kathrin Linsenhoff landet auf eben diesem, weil sie eine Hall of Fame in Berlin (schon wieder Berlin… Sündenpfuhl!) eingerichtet hat, was sicherlich in Anlehnung an die amerikanischen Vorbilder gleichen Namens geschah. Walter Krämer vom VDS schlägt stattdessen vor: Ehrenhalle. Lieber Herr Krämer, die gibt es schon. Recht haben Sie, wer könnte besser für ein moderneres Image des Deutschen sorgen als Ludwig I. !?

2 Antworten

  1. Wir könnten die Jury (Achtung, Anglizismus!) künftig treudeutsch ‚Sprach-GAU-Leiter‘ nennen. Das wäre doch astrein teutonisch, das Wort …

  2. Ganz so weit in diese Ecke stellen sollte man sie vielleicht nicht, auch wenn mir die Doppeldeutigkeit von „GAU“ in diesem zusammenhang gefällt.😉
    Aber letztlich sind die VDS’ler und ihre Kollegen an diesem Eindruck selbst Schuld.

    Vielleicht sind sie sogar zur Einsicht fähig – einen Gewinner im albernen Beijing-statt-Peking-Wettbewerb scheint es bisher nicht zu geben. Eine Richtigstellung aber auch nicht…

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