Hundssprache

Ein guter DEUTSCHER Hund

Ein guter DEUTSCHER Hund

Vor kurzem noch hatte Anatol Stefanowitsch darauf hingewiesen, dass Glossen aller Art ihm zuverlässig Material für Blogbeiträge liefern. Nun stoße ich prompt auf eine solche, einen Kommentar in der Frankfurter Rundschau, und Herrn Stefanowitschs Bemerkung erweist sich umgehend als richtig. Der kurze Text kaut so viele falsche Thesen und typische Vorurteile wieder, dass es einem schwindelt. Einzeln auseinandernehmen muss ich den Kommentar allerdings nicht mehr, denn das Bremer Sprachblog hat ihn augenscheinlich auch nicht übersehen.

Das lässt mir die Zeit, auf etwas anderes aufmerksam zu machen:

Was tun, um der Sprachverhunzung Einhalt zu gebieten?

Dieser Satz leitet die Ankündigung am Ende des erwähnten Kommentares ein, die wohl als Drohung zu verstehen ist (ich bin gespannt, was da kommen mag). Was mir aber aufgefallen ist, ist das Wort Sprachverhunzung. Man findet es in unglaublich vielen ähnlich gearteten Beiträgen, themenfremde Verwendungen desselben Begriffes fallen mir schon gar keine mehr ein.

Also habe ich mal nach Verhunzung gegoogelt. Und tatsächlich – sieben der ersten zehn Treffer behandeln „Sprachverhunzung“, zwei weitere stammen aus Wörterbüchern, lediglich im neunten Treffer wird etwas anderes verhunzt, nämlich Oper und Theater. Auch auf den folgenden Plätzen wird nichts so sehr verhunzt wie die deutsche Sprache. Seltsam ist, dass verhunzen in mehreren Kontexten gebräuchlich ist. Warum?

Eine mögliche Erklärung ist, dass nur oder fast nur die Sprachnörgler zur Verhunzungsverallgemeinerung neigen – also von „der Verhunzung“ sprechen. Verhunzt wird zwar auch anderes, Google zufolge etwa Kinder, Bücher oder Software, aber in solchen Kontexten scheint kaum jemand „die Verhunzung“ zu diagnostizieren. Der Begriff in dieser Form wurde von den Schneiders und Reinhardts dieser Welt dem Anschein nach erfolgreich gehijackt.

Bei anderen Wörtern war man (noch?) nicht so erfolgreich, wohl aber äußerst kreativ: Sprachverfall, Sprachzersetzung, Sprachzerstörung, Sprachverblödung, Sprachverpanschung, Sprachverpfuschung, Sprachpfusch, Sprachuntergang – an Alternativen mangelt es nicht. So schlimm kann es um die deutsche Sprache nicht bestellt sein, wenn sie derart produktiv neue Wörter zu ein und demselben, immer wieder wiederholten Thema liefert.

Nebenbei, weil ich ohnehin gerade in der Bibliothek sitze, der Eintrag für hunzen aus dem etymologischen Wörterbuch des Deutschen:

hunzen, Verb (heute ungeläufig, doch noch mundartlich) ‚jemanden einen Hund nennen, wie einen Hund behandeln, wie einen Hund beschimpfen‘; danach ’schinden, plagen‘ und ‚verderben‘ (vergleiche zurschnittene, zuhuntzte … kleidung, Mathesius 1562), wofür heute allgemein verhunzen Verb (um 1700; literatursprachlich durch Lessing). Das Verb ist eine neuhochdeutsche Bildung zu Hund wie duzen zu du, siezen zu Sie. (Akademie-Verlag)

Wäre ich Bastian Sick würde ich nun sofort eine Kolumne schreiben, in der ich eindeutig darlege, dass der Begriff Sprachverhunzung keinen Sinn mache, pardon, habe, weil man die Sprache ja wohl schlecht einen Hund nennen könne. Ich bin aber nicht Bastian Sick, also kann ich anerkennen, dass das Verb verhunzen im übertragenen Sinne verderben bedeutet und mich über diese hübsche Neubildung freuen.

2 Antworten

  1. Was ich noch nie verstanden habe ist, wie sich in so vielen Sprachen, die ich kenne, der Hund — der sonst gar nicht hoch genug bejubelt werden kann für Treue, Freundschaft, Kampfgeist, Mut und tausend Tugenden — etablieren konnte als Schablone für die übelsten Beleidigungen aller Art und jeder Sorte, von „Du Hund!“ und „hündisch“ bis „Hundsfott!“ und „Sohn einer Hündin“ und “verhunzen”. Ist das möglicherweise ein Residuum aus unserer beliebten und weit verbreiteten Fantasy-Sammlung aus der Bronzezeit, nach der Hunde als „unrein“ gelten? Eine der witzigsten Beleidigungen, die ich je hörte, waren israelische Kinder, die sich gegenseitig unter Ausnutzung der Bildungsregeln des im Hebräischen gängigen Duals mit „du zwei Hunde!” beschimpften … *kicher*. Jedenfalls werde ich bei meinem nächsten Besuch in der Düsseldorfer ULB einmal versuchen, ob ich etwas dazu finde.

    ^_^J.

  2. So unterschiedlich können die Assoziationen zu „Hund“ sein – ich verbinde damit stinkende, treu-dämlich blickende, laute und aufdringliche Kothaufenproduzenten, die ihre Artgenossen entweder am After beschnüffeln und gleich danach f***** oder direkt zu zerfleischen versuchen. Mit fällt spontan kein für Schimpfwörter geeigneteres Tier ein.

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