Sprachfrust in Austria

Zum Jubiläum der Rechtschreibreform war dieselbe ja mal wieder Thema in allerlei Medien. Selten kam dabei etwas übermäßig Spannendes heraus, vielleicht ist auch schon alles gesagt, vielleicht schon doppelt und dreifach. Die Kölnische Rundschau führte ein Interview mit Dr. Matthias Wermke von der Duden-Redaktion – auch dabei ging es nicht um viel Neues, aber im letzten Absatz doch um ein Thema, dass mir eher fremd ist:

„In Österreich grassiert derzeit die Angst vor einer ‚Ver-Tschüssung‘ der Sprache. Was passiert da? Das heimische ‚Servus‘ wird immer häufiger durch ‚Tschüss‘ ersetzt, anstelle von ‚Karfiol‘ wird ‚Blumenkohl‘ angeboten, das Wort ‚Tomate‘ ersetzt öfter das traditionelle ‚Paradeiserl‘. Hier ist der Aggressor nicht das Amerikanische, sondern unser gutes Deutsch. Und wie gehen wir damit um?“

Google liefert für den Begriff Vertschüssung/Ver-Tschüssung leider keine nennenswerten Ergebnisse, außer dass vertschüssen im Österreichischen augenscheinlich für jemanden rausschmeißen oder sich verpissen verwendet werden kann. Das gibt es im Hochdeutschen nicht (oder kaum), dafür war es mit Tschüss wohl mal umgekehrt. Jetzt nicht mehr, denn wie es scheint, hat das Hochdeutsche mit Österreich ähnliche Invasionspläne wie das Englische mit Deutschland.

Eine erweiterte Suche offenbart mir dann auch einen spannenden Artikel aus der Presse. Spannend, weil der Autor darauf hinweist, dass es um einen Gutteil der österreichischen Ausdrücke gar nicht so schlecht bestellt ist, weil sie EU-bürokratisch geschützt sind, nachzulesen hier. Aufgrund meiner mangelhaften rechtswissenschaftlichen Kenntnisse enthalte ich mich weiterer Ausführungen.

Was man aber nicht unkommentiert lassen sollte, auch wenn der Artikel fast genau ein Jahr alt ist, ist der Umstand, dass der Autor dieselben Phrasen verwendet und Fehler macht wie die hiesigen Sprachnörgler. Aus einem sympathischen Interesse an der eigenen Sprache wird so ein unsympathischer Rundumschlag gegen alles, das dem persönlichen Geschmack widerspricht.

So misfällt ihm etwa der „preußische Tonfall“, den er u.a. in der Schwa-Elision, also dem Wegfall des unbetonten e in Endungen zu erkennen meint, wenn man etwa machen machn spricht. Ob dieser Zusammenhang stimmt würde mich interessieren, denn die Elision ist eine Folge der Reduktion von e zu Schwa, und auch in den österreichischen Mundarten wird meines Wissens auf Schwa geendet. Da bräuchte es kein’n preußischn Einfluss, um zum Schwund zu kommn.

Eine sehr gewagte These ist dann, dass man den Februar in Deutschland Feber nenne. Davon wusste ich gar nichts, das Wort war mir völlig neu. Google verrät, das es Feber tatsächlich gibt, aber zu einem sehr großen Teil auf österreichischen Seiten. Und Wikipedia erklärt uns denn auch:

In Österreich, Südtirol, in der Pfalz und im Schwäbischen wird er auch Feber genannt.

These: Der Februar hat den älteren Feber in Österreich schon zu einem guten Teil verdrängt, und unser Nörgler beschwert sich nun, dass der Feber den Februar verdränge.

Das Beispiel zeigt auch ein anderes Problem dieser DeutschVSÖsterreichisch-Konstruktion: Viele Begriffe sind nicht eindeutig dem einen oder anderen zuzuordnen, sondern werden im gesamten deutschen Sprachraum in manchen (deutschen, österreichischen, schweizerischen, u.a.) Dialekten verwendet, in manchen nicht. Sprachliche Gemeinsamkeiten dürften sich im Bairischen (Bayrisch, Österreichisch) mehr als genug finden, danach zwischen diesem und dem Alemannischen. Und danach mit weiteren Dialekten Richtung Norden. Den Bub jedenfalls kennt man keinesfalls nur in Österreich, sondern auch in Mainz.

Aus diesem Konstruieren eindeutiger sprachlicher Grenzen, etwa zwischen Österreich und Deutschland oder Deutschland und England, spricht das sprachnörgeltypische Sprachinseldenken. Nicht nur, dass Ländergrenzen mit Sprachräumen selten identisch sind, auch die Sprachräume hängen viel enger zusammen als es der Purist sich vorstellen mag/kann.

Ebenfalls typisch folgt dann noch die Medienschelte, und die fällt ebenso seltsam aus wie hierzulande.

„[…]und statt „Lass mich auch einmal probieren“ hört man immer öfters ‚Lass mich mal probieren‘. Die Zeitungen gehen hier mit schlechtem Beispiel voran.“

schreibt er, und später im Text:

„‚Das 21. Jahrhundert ist gerade mal sieben Jahre alt‘, lese ich in einer bedeutenden deutschen Zeitung. Dort wie hier sollte statt des schrecklichen ‚gerade mal‘ das schöne, kurze deutsche Wörtchen ‚erst‘ genügen.“

Wie meinen?

Ansonsten empfehle ich zum Thema: EAV – Wo ist der Kaiser?

4 Antworten

  1. hehe, ich empfehle eher „Sprachbarrieren“ von Texta:

    Grüße aus Ö

  2. Danke für den Link! Mit der Musik kann ich zwar gar nichts anfangen, aber Text und Dialekte sind, von den Fäkaleinlagen abgesehen, echt interessant. Interssante Band, leider im „falschen“ Genre.😉

  3. Ich habe den starken Eindruck, dass sich der Verfasser des „Presse“-Artikels, wie auch schon angedeutet, nicht wirklich mit dem im Deutschland gesprochenen Deutsch und seinen Varianten auskennt.
    Was z.B. an „Es zahlt sich nicht aus“ spezifisch österreichisch sein soll, geht mir nicht in den Kopf. Dort, wo ich herkomme, weit nördlich des Mains, wird das perfekt verstanden und auch verwendet. Und die Bredouille als allein Wienerisches Wort hinzustellen, halte ich für sehr gewagt. Gerade in Berlin findet es vielfach Verwendung (man schreibt es dem hugenottischen Einfluss zu, gleiches gilt auch für Wörter wie „Boulette“). So gesehen passen im Spruch „Jetzt sitzn wa in da Bredouille“ Tonfall und Vokabular richtig gut zusammen. Möglicherweise wurde das vom Schauspieler ganz bewusst so gemacht…
    Überhaupt finde ich den Tonfall des Artikels ganz und gar nicht „österreichisch weich“. Formulierungen wie “ [der] in Deutschland übliche Sprachgebrauch mitsamt dessen schlampigen Unsitten“ sind ja wohl mindestens grenzwertig (auch wenn ich es sich hier um einen Kommentar handelt) – man beachte zudem, dass einige Absätze weiter unten steht, dass jetzt auf einmal gerade die Österreicher „etwas schlampig“ sprechen.
    Ich finde es absolut in Ordnung, dass sich die Österreicher die Eigenheiten ihrer Sprache erhalten wollen, aber doch bitte nicht so.

  4. Die Geschichte des Wiedergängers „Feber“ scheint mir ein ausgezeichnetes Beispiel für diesen dummdreisten „Patriotismus“ zu sein, der auch in anderen Bereichen aktiv ist. Etwa die Kampagne „Wir sind Regal-Patrioten“ des Diskonters „Penny-Markt“, in der teurere Lebensmittel aus Österreich gegenüber den angeblich minderwertigen deutschen Produkten beworben werden.
    Umso erfreulicher sind solche Beiträge wie obiger gegen das „sprachnörgeltypische Sprachinseldenken“, meint ein in der Nähe des Wiener Zentralfriedhofs Ansässiger, dessen Wortschatz – wie jener der meisten anderen Wiener, die sich bemühen, alte regionale Ausdrücke zu gebrauchen – wahrscheinlich zu drei Viertel aus „Wort-Immigranten“ besteht. Wie auch die biologische Herkunft zumeist ein Sammelsurium ist🙂

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