Peking oder Beijing?

Der Verein Deutsche Sprache e.V. (VDS) drängt sich anlässlich der Olympischen Spiele in China mit einem ulkigen Wettbewerb in die Medien. Man zählt überflüssige Anglizismen im Sprachgebrauch der diversen deutschen Fernsehkommentatoren. Ablaufen soll es so:

„‚Zwei Punkte gibt es für jedes absichtliche Wichtigtun mit Beijing für Peking oder olympic spirit für Sportsgeist, einen für ganz normale Schlamperei,’erklärte VDS-Vorsitzender Krämer gegenüber dpa. Normale Schlamperei sei etwa das gedankenlose Nachplappern von Anglizismen wie finish oder coach. Nicht beanstandet werden Wörter wie Sprinter, fair oder Clinch, die in der deutschen Sprache Heimatrecht genießen.“

Wieso der Clinch schon Heimrecht genießt, der coach und Beijing aber nicht, bleibt unerwähnt. In absoluten Zahlen kommt der englische Trainer, äh, der englische Übungsleiter sogar auf 5 Millionen Google-Treffer auf deutschsprachigen Seiten.

Auch ist unklar, inwiefern man olympic spirit adäquat mit Sportsgeist übersetzen kann. Zugegeben, es gibt einen schönen deutschen Begriff dafür, aber der von Herrn Krämer gewählte ist es nicht.

Was mich aber am meisten stutzig machte, war die Aufnahme von Beijing in die Anglizismenliste, sogar im Wert von ganzen zwei (Straf-)Punkten. Zwar ist Beijing in der Tat der englische Name für Chinas Hauptstadt – allerdings auch der hochchinesische (Mandarin) Name. In der Pinyin-Umschrift liest sich die Stadt Běijīng, die lustigen Strichelchen (diakritische Zeichen) geben den Ton der Vokale an. Diese Umschrift ist nicht irgendeine, sondern die offizielle Umschrift für das Hochchinesische.

Bei Beijing handelt es sich also kaum um einen Anglizismus, sondern um die Übernahme der (romanisierten Version der) Schreibung, die Mandarin-sprechende Beijinger selbst verwenden. Die zunehmende Verwendung dieser Schreibweise (2,5 Millionen Google-Treffer auf deutschsprachigen Seiten, immerhin ein Viertel der Anzahl für Peking) ist vermutlich eher dem zunehmenden Interesse an der Volksrepublik China zu verdanken (für Nörgler: geschuldet). Es handelt sich also allenfalls um einen Sinoismus oder Mandarinismus.

Ob man nun beim alteingesessenen Peking bleibt oder sich mit Beijing etwas China-affiner zeigen möchte, möge doch jedem selbst überlassen bleiben. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das eine besseres Deutsch sei als das andere.

2 Antworten

  1. Ich persönlich sehe mir die Olympischen Spiele aus politischen Gründen und einer viele Jahre alten schleichenden Desillusionierung gegenüber dem professionellen Sport sowieso nicht an, aber stelle ich mir einmal vor, ich täte es: würde ich mir dann das Erlebnis durch ein kleinliches Zählen von Lehnwörtern selbst kaputtmachen? Irgendwie sind die Sprachnörgler doch auch durch einen gewissen Masochismus motiviert.

    Mit dem Beijing/Peking-Schnitzer zeigt der VDS außerdem entweder eine völlige Abwesenheit von Allgemeinbildung oder eine bewusste Deutschtümelei: es gibt ja die allgemeine Tendenz, geopolitische Fremdbezeichnungen durch Eigenbezeichnungen zu ersetzen (Birma/Myanmar, Bombay/Mumbai, Danzig/Gdansk, usw.). Die englischsprachige Welt (die traditionell auch den Namen Peking verwendet hat), ist uns da möglicherweise etwas voraus. Ich finde diese „neuen“ Namen auch manchmal ungewohnt, aber es ist eben respektvoller, jemanden bei dem Namen zu nennen, den er sich selber gibt.

  2. Birma/Myanmar ist allerdings ein Sonderfall, da die letztere Version mW von der Militärherrschaft verwendet wird, nicht aber von der Bevölkerungsmehrheit.
    Was da wie richtig oder gut ist, finde ich als Weitweg- und Außenstehender schwierig zu beurteilen, ähnlich wie bei der China-Tibet-Frage.

    Das Problem beim VDS dürfte sein, dass man vor lauter Agenda bisweilen den Blick auf alles andere verliert. Dass jemandem die Hintergründe des Begriffes Beijing nicht bekannt sind, kann ich verstehen, nicht aber, dass man darauf verzichtet, einmal nachzugucken, ob das Kritisierte so auch zutrifft.

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