Tronglisch – Sprachverfall in Skandinavien

Sprachnörgler beschwören gerne mal den Weltuntergang, wenn es darum geht, vermeintliche Angriffe auf die deutsche Sprache abzuwehren. Zumindest aber wird der Untergang derselben als gegeben angenommen, sollten sich die leichtfertigen Sprachstolperer mit ihren Anglizismenarmeen in den nächsten Jahren nicht stoppen lassen. So findet sich beispielsweise in den Sprachnachrichten 37 ein alarmierender Leserbrief, in einem kurzen Ausschnitt hier wiedergegeben:

„Sehr geehrtere Damen und Herren, darf ich, bitte, Ihnen durch diesen offenen Brief meine Enttäuschung, mein Entsetzen und meine Hoffnungslosigkeit für die Zukunft der deutschen Sprache äußern? Ich frage mich in der Tat, ob die deutsche Sprache immer noch besteht. Die Antwort ist für mich negativ. Kann diese mit Englisch überfüllte Sprache […] immer noch als Deutsch bezeichnet werden? […]“ (Charles Antoine Djokouéhi, Elfenbeinküste)

Ein weiterer Leserbrief fragt:

„Was mögen die Engländer von uns denken, wenn wir durch den Gebrauch ihrer Sprache im alltäglichen Umgang Weltläufigkeit vorzutäuschen versuchen.?“ (Siegrid Sieg, Passau)

Und in einer kürzlich hier zitierten Wortmeldung hieß es:

„Die heutige Umgangssprache ist allerdings einem gebildeten Ausländer weder zumutbar noch zum Studium anzuraten.“ (Günter Schäfer, Biebrich)

Ja, was sollen die Ausländer, gerade die Engländer, denken, wenn sie sehen, dass wir die große deutsche Sprache derart verkommen lassen. Bald sprechen alle Deutschen Englisch – oder doch wenigstens „Pidgin-Englisch“. Gut, sollte man meinen, dass die Ausländer in ihren Ausländern fein Acht geben auf ihre ausländischen Zungen, und sie wacker gegen den angelsächsichen Sprachimperialismus verteidigen. So wie die vielzitierte Avantgarde aus Frankreich.

Doch oh Graus! Auf einem zweiwöchigen Urlaub, der mich quer durch Skandinavien führte, musste ich geschockt feststellen, dass die dort hausenden Nichtdeutschen den Verlockungen des Englischen auch nicht besser widerstehen können als wir. Was müssen all die Ausländer denken, wenn sie den sprachlichen Zustand der Heimat eines Strindberg, eines Ibsen, ja, eines Andersen, erblicken?

Schweden

Kalle Anka aus Sverige, Werbespruch aus England, Radio vermutlich aus Südostasien

Kalle Anka aus Sverige, Werbespruch aus England, Radio vermutlich aus Südostasien

Schon in Schweden fing es an. Nebenstehendes Beweisphoto zeigt die Ausgabe 29/08 des schwedischen Micky-Maus-Magazins, dort nach Donald Duck benannt, was einleuchtend ist, da von den Angestellten des dänischen Disney-Verlages Egmont stets betont wird, dass die Ente sich besser verkauft als die Maus. Nun, jedenfalls scheint anfangs noch alles in vorbildlicher Ordnung, immerhin haben die Schweden den englischen Namen des Enterichs eingeschwedischt, statt ihn wie die Deutschen buckelnd zu übernehmen.
Dummerweise konnten sie es nicht lassen, in aufdringlicher Werbeschrift COOL RADIO! auf das Cover zu klatschen.

Dabei ist das noch gut, ist ein Großteil des Unterhaltungsprogramms doch komplett auf Englisch. Ein Classic Rock habe ich noch erstanden, frisch aus den UK. So wird aus den jungen Schweden bestimmt kein neuer Strindberg!

Norwegen

Noch weiter im Norden, wo die Tage lang werden und die Trolle das

Lustiges Taschenbuch auf Norwegisch

Lustiges Taschenbuch auf Norwegisch

Land beherrschen, am Rande der Zivilisation also, sieht es auch nicht anglizismenloser aus. Wo man doch meinen sollte, dass gerade der Troll an sich, der sich Menschen gegenüber nicht sehr offen gibt, darauf bedacht sei, allzuviel fremden Einfluss zu vermeiden, und sein Lustiges Taschenbuch nicht gerade Donald Pocket nennen würde.

Norwegen ist insofern ein Sonderfall, als das ganze Land im Grunde eine einzige Touristenattraktion ist. Die Vermutung, Anglizismen könnten hauptsächlich als Touristenhilfe oder, nörgelnd formuliert, -anbiederung gebraucht werden, bestätigt sich hier nicht. Es finden sich weder mehr noch weniger englische Begriffe als in Deutschland. Sollen Reisende gezielt angesprochen werden, gibt es Texte zusätzlich in Englisch und meistens in Deutsch.

Anglizismen also finden sich in Norwegen da, wo sie sich auch in Deutschland finden, ob touristisch motiviert oder nicht. Zum Beispiel in Modeläden oder der Gastronomie, wie auf diesen Bildern zu sehen:

Schöne Landschaft, so unverdächtig.

Schöne Landschaft, so unverdächtig. Doch ein genauerer Blick zeigt...

...hier gibt es "Mett zum Weglaufen", wie der Sprachnörgler pointiert sagt.

...hier gibt es "Mett zum Weglaufen", wie der Sprachnörgler pointiert sagt.

Vor diesem kleinen Wasserfall werden Troll Sweater verkauft

Vor diesem kleinen Wasserfall werden Troll Sweater verkauft

Gut, das war wirklich in einer Tourihochburg, namentlich in Eidfjord, das nahe des Wasserfalls Vøringfossen liegt. Aber wo sonst findet man Anglizismen auch hierzulande gerne? Genau, da, wo es etwas zu kaufen gibt.

Darum nachfolgend einige Impressionen aus touristisch unverdächtigen Spermärkten bzw. einer Straße davor.

Wie viele Anglizismen sind hier zu sehen?

Suchspiel: Wie viele Anglizismen sind hier zu sehen?

Dieses mexikanische Produkt verzichtet zu Gunsten des Englischen ganz auf etwaige norwegische Anwandlungen.

Dieses mexikanische Produkt verzichtet zu Gunsten des Englischen ganz auf etwaige norwegische Anwandlungen.

Ein Klassiker! Wo Trolle sich pflegen.

Ein Klassiker! Wo Trolle sich pflegen.

Der schreckliche Deppenapostroph ist also auch am Polarkreis angekommen, was beweist, was viele schon immer vermuteten: Der Deppenapostroph ist etwas für Trolle. Denn im Norwegischen wird der Genitiv wie im Deutschen auf -s, sprich: ohne Apostroph, gebildet. (Für eventuell noch nicht ausreichend benörgelte: Diese Form des Apostrophs nennt man in Anlehnung an die englische Bezeichnung auch Gemüsehändlerapostroph.)

Wir sehen nun also deutlich: Der Widerstand der Wikinger ist längst gebrochen. Die Inselbewohner haben sich endlich gerächt für die ständigen Überfälle auf ihre Küste, und den Nordmannen und den Trollen gleich mit ihre Sprache aufoktroyiert (sic[k]!). Längst spricht man zwischen den Fjorden kein Trollisch mehr, sondern Tronglisch.

Im übrigen ist Norwegen noch aus einem anderen Grunde ein Sonderfall – das Land verfügt über zwei Sprachen, Bokmal und Nynorsk, die gleichberechtigt, wenngleich nicht gleichverbreitet, nebeneinander existieren. Unser Reiseführer beschied denn auch, dass es sich dabei um eine eher überflüssige und kostspielige Eigenheit handle, die man sich aber dank der Ölmilliarden leisten könne. Dass zwei (oder mehr) landessprachen durchaus nichts Ungewöhnliches sind und auch ohne schwarzes Gold finanzierbar zu sein scheinen, ließ man dabei außer Acht. Gut, die Schweiz kompensiert das bekanntlich anders, aber auch Belgien leistet sich das, statt mit Öl und Banken mit Schokolade und Bier.

Diese Zweisprachigkeit, wie immer man sie sonst bewerten mag, lehrt uns aber eines: Sie resultiert nicht zwangsläufig in mangelhaften Sprachkenntnissen in der Muttersprache, auch nicht in „Pidgins“. So ist der Norweger eben neben Bokmal und Nynorsk auch noch mit nicht wenig Englisch konfrontiert.

Dänemark

In Dänemark kommt man zwar wieder ohne den englischen Donald aus, aber insgesamt ist man dem nahen Inselempire auch nicht völlig abgeneigt, wie die beiden Beispielbilder aus Kopenhagen zeigen.

Hier gibt's zum lunsj nicht nur Anglizismen, sondern auch Salat und Suppe. Ok, das ist kein Teutonismus, sondern Dänisch, aber immerhin ist alles als Take Away zu haben.

To Go or not To Go.

Schon Shakespeare wusste, was den Dänen bewegt: To Go or not To Go.

Tronglisch

Wie diese Auswahl an Bildern zeigt, ist die Angst des oben zitierten afrikanischen Deutschfreundes unbegründet. Zumindest dahingehend, dass die Deutschen ihre Sprache nicht in einem Maße „verfallen lassen“, das Abgesänge gerade auf das Deutsche rechtfertigen könnte. Auch schämen müssen wir uns vor irgendwelchen Ausländern für den Zustand unserer Zunge wohl nicht. Selbst wenn die Anglizismendichte in Deutschland etwas Schlechtes sein sollte, so verschlechtern die Nicht-Deutschen ihre eigenen Sprachen in nicht geringerem Maße, was uns den Status als große Dichter und Denker eigentlich erhalten müsste.

Vermutlich spielt die Werbesprache in der Verwendung von Englischanleihen eine größere Rolle, sei es beim Verkauf von Produkten an Einheimische oder Dienstleistungen an Touristen. Dass das aber länderübergreifend geschieht, zeigt, dass die Deutschen keinesfalls so übertrieben anglophil und untertänig amerikafreundlich sind, wie vom Sprachnörgel manchmal angenommen. Irgendeinen Vorteil scheinen die Anglizismen mit sich zu bringen, wenn man sich ihre Verbreitung anschaut, und netterweise auf die Annahme verzichtet, dass alle anderen entweder dumm sind oder über keine nennenswerte Sprachkompetenz verfügen. Schließlich reden wir nicht von gesichtslosen „Werbefuzzis“, die in gesichtslosen Hochhäusern hausen, sondern von den Selbstständigen Udo und Gerti, mit ihren kleinen Lädchen, Gemüseständchen und Friseursalons.

PS: Anglizismenzeigende Bilder aus anderen Ländern werden, sofern selbst geknippst, gerne angenommen unter noergeln@googlemail.com!

3 Antworten

  1. schöner bericht… anglizismen sind ja echt stressig aber manchmal auch sehr nützlich…

    kalle anka🙂

  2. Zitat: „Auf einem zweiwöchigen Urlaub, der mich quer durch Skandinavien führte, musste ich geschockt feststellen…“

    Schockiert! Nicht geschockt! Schockiert!

  3. Wenn Sie noch mal genau nachlesen, werden Sie feststellen, dass geschockt laut Herrn Sick keinesfalls falsch, sondern umgangssprachlich ist.😉

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