Zehn Jahre Rechtschreibreform

Die deutsche Sprachwelt hat heute anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Rechtschreibreform derselben eine Pressemitteilung gewidmet, mit folgendem Wortlaut:

Zehn Jahre Rechtschreibreform: Reparatur muß weitergehen

Erlangen, 31. Juli 2008 – Vor zehn Jahren, am 1. August 1998, wurde die Rechtschreibreform an allen deutschen Schulen eingeführt. Einer jüngst veröffentlichten Untersuchung zufolge hat seither die Schreibfehlerquote in Schülerarbeiten drastisch zugenommen. Daher fordert die reformkritische DEUTSCHE SPRACHWELT, die Reparaturarbeiten an der Rechtschreibreform wiederaufzunehmen. Außerdem empfiehlt die Sprachzeitung, in so vielen Bereichen wie möglich bei der traditionellen Rechtschreibung zu bleiben oder zu ihr zurückzukehren.

„Wenn ich Schüler wäre, würde ich die Lehrer ärgern und immer nur nach traditioneller Art schreiben – eben so wie die bedeutendsten lebenden deutschen Schriftsteller“, erklärte der Chefredakteur der DEUTSCHEN SPRACHWELT, Thomas Paulwitz. Die Schüler seien die Hauptleidtragenden der mehrmals nachgebesserten Rechtschreibreform. Die Untersuchung des saarländischen Germanisten Uwe Grund zeigt unter anderem, daß Rechtschreibfehler in Abituraufsätzen um 120 Prozent zugenommen haben. Die Fehler sind gerade dort überdurchschnittlich gestiegen, wo es Veränderungen durch die Rechtschreibreform gegeben hat, zum Beispiel bei der Groß- und Kleinschreibung und bei der Schreibung des s-Lautes.

„Nicht die Schüler sind zu dumm für die Neuregelung, sondern umgekehrt ist die Rechtschreibreform zu dumm für die Schüler“, so Paulwitz. Kein Mensch könne die komplizierten Regelungen fehlerfrei beherrschen. Daher seien weitere Nachbesserungen nach den Vorschlägen der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK) notwendig. Die SOK habe dort weitergemacht, wo der Rechtschreibrat seine Arbeit vorzeitig abgebrochen hat. Die DEUTSCHE SPRACHWELT rät denjenigen, die gezwungen sind, sich nach der Rechtschreibreform zu richten, den Empfehlungen der SOK zu folgen. Alle anderen, die frei schreiben können, sollten nach Möglichkeit bei den bewährten Regeln bleiben, die nach wie vor gültig sind.
In der neuesten Ausgabe der DEUTSCHEN SPRACHWELT (DSW 32, Sommer 2008) berichtet die Korrektorin Rominte van Thiel außerdem über Büchervernichtungen in zahllosen deutschen Schulbüchereien. Zigtausende wertvoller Bücher seien allein deswegen weggeworfen worden, weil sie nicht in reformierter Rechtschreibung verfaßt waren.

Nun sympathisiere ich auch nicht sehr mit der Reform, und habe auch von Lehrern und Lehrämtlern schon gehört, dass die neuen Regelungen kaum ihr Ziel der Fehlerreduktion erreicht haben. Aber „Gehörtes“ ist wissenschaftlich uninteressant, weshalb es mich freut, hier eine Untersuchung zu finden, die das Gehörte bestätigt.

Dumm nur, dass die genannte Untersuchung wissenschaftlich auch nicht mehr hergibt als das Hörensagen. Anatol Stefanowitsch hat die Studie auf dem Bremer Sprachblog jedenfalls zerpflückt. Was Herr Grund vergleicht, sind Zahlen, zwischen denen über 30 Jahre und zum Teil einige hundert Kilometer liegen. Das mag interessant sein, um den Verfall der orthographischen Fähigkeiten der heutigen Jugend zu demonstrieren, sagt uns über die Auswirkungen der Rechtschreibreform aber genau gar nichts. Wenn die Reform tatsächlich negative Effekte auf die Rechtschreibung der Probanden hat(te), dann zeigt Grund diesen Zusammenhang allenfalls zufällig auf – sprich: gar nicht.

Die von mir durchaus geschätzte Deutsche Sprachwelt geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn in der Pressemitteilung behauptet wird:

Einer jüngst veröffentlichten Untersuchung zufolge hat seither die Schreibfehlerquote in Schülerarbeiten drastisch zugenommen.

Dieses „seither“ behauptet noch nicht einmal Grund selbst. Es ist schlicht und ergreifend falsch.

Dass das mehr an Fehlern laut Grund hauptsächlich in den Bereichen zu finden ist, die von der Reform tangiert wurden, kann leicht damit erklärt werden, dass diese Bereiche die schwierigsten sind, d.h. die, in denen Schüler ohnehin am meisten Schwierigkeiten haben. Wenn nun das Rechtschreibniveau allgemein abgenommen hat, wie es Grunds Zahlen andeuten, dann ist es nur logisch, dass die Fehler in eben diesen Bereichen gemacht werden. Wenn überhaupt, dann ist das ein Hinweis darauf, dass die Reform die Intention der Reformer nicht hat umsetzen können. Negative Effekte sind damit nicht gezeigt. Korrelation ungleich Kausalzusammenhang.

Diese Untersuchung, bzw. vor allem, was aus ihr gemacht wird, erinnert mich stark an die Sprachverfallsstudie des Allensbach-Instituts vor einigen Wochen. Man muss die Argumentationsversuche der Reformgegner und Sprachnörgler doch nicht noch durch solch dilettantische Anwandlungen unterminieren.

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