The Blind Watch

Blinde Uhren reichen nicht!

Blinde Uhren reichen nicht!

Gottesbeweise sind eine alte abendländische Tradition, die dem Wunsch der Natürlichen Theologie, den Glauben an Gott rational vertreten zu können, entsprungen sind. Die ernsthafteren Versuche sind entsprechend elaboriert, etwa das Kalam Cosmological Argument oder Richard Swinburnes Versuch, Gott über den Umweg eines modallogischen Beweises der Existenz der Seele (wieder) ins Spiel zu bringen. Dem Buchtitel zufolge hat kürzlich auch „der deutsche Philosoph von Weltrang“, Robert Spaemann, einen gottesbeweislichen Beitrag geleistet. Und zwar mithilfe der Linguistik.

Nun ist Spaemanns Versuch gar nicht so aktuell, beruht der Inhalt des Buches doch auf einem Text, der sich schon Anfang 2005 in der WELT tummelte. Scheinbar fand irgendwer die Beweisführung so schlüssig, dass daraus ein Buch wurde. Robert Spaemann selbst scheint den Beweis weniger schlüssig gefunden zu haben, rudert er in der Buchversion doch zurück und bemerkt gleich am Anfang, dass es sich natürlich nicht um einen Beweis, sondern „nur“ um ein Argument handle.

Nun könnte man darüber nachdenken, was einen Beweis von einem Argument unterscheidet, und vor allem, warum ein Argument minderwertiger sein könnte als ein Beweis – aber um sämtliche Unklarheiten in Spaemanns kurzem Text behandeln zu können, müsste ich neuen Webspace anmieten. Also konzentrieren wir uns auf das wesentliche.

Den Beweis. Der liest sich so:

Solange Vergangenes erinnert wird, ist es nicht schwer, die Frage nach seiner Seinsart zu beantworten. Es hat seine Wirklichkeit eben im Erinnertwerden. Aber die Erinnerung hört irgendwann auf, und irgendwann wird es keine Menschen mehr auf der Erde geben. Schließlich wird die Erde selbst verschwinden. Da zur Vergangenheit immer eine Gegenwart gehört, deren Vergangenheit sie ist, müssten wir also sagen: mit der bewussten Gegenwart – und Gegenwart ist immer nur als bewusste – verschwindet auch die Vergangenheit, und das Futurum exactum verliert seinen Sinn. Aber genau dies können wir nicht denken. Der Satz: „In ferner Zukunft wird es nicht mehr wahr sein, dass wir heute abend hier zusammen waren“ ist Unsinn. Er lässt sich nicht denken. […] Wenn gegenwärtige Wirklichkeit einmal nicht mehr gewesen sein wird, dann ist sie gar nicht wirklich. Wer das Futurum exactum beseitigt, beseitigt das Präsens.

Aber noch einmal: Von welcher Art ist diese Wirklichkeit des Vergangenen, das ewige Wahrsein jeder Wahrheit? Die einzige Antwort kann lauten: Wir müssen ein Bewusstsein denken, in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist, ein absolutes Bewusstsein.“ (aus dem WELT-Artikel 2005)

Der letzte Gottesbeweis, pardon, das Gottesargument, baut also auf dem Futurum Exactum auf, dem Futur II, dem wird-gewesen-sein. Den völlig unklaren Wahrheitsbegriff Spaemanns erstmal beiseitelassend, kann man den Versuch so formulieren: Eine wahre Proposition muss erinnert werden, damit sie wahr bleibt. Wird sie nicht mehr erinnert, ist sie nicht mehr wahr. Also muss es einen Erinnerer geben, der ewig ist, d.h. auch sämtliche menschlichen Erinnerer überleben wird. Und das sei Gott.

Der Trick an diesem Argumentationsversuch ist das Springen von der grammatischen auf die metaphysische (ontologische) Ebene. Das Futur II ist lediglich ein grammatisches Phänomen – das es nichts „Wirkliches“ ist, lässt sich daran erkennen, dass es in anderen Sprachen, etwa dem Finnischen gar kein Futur II, sogar überhaupt gar kein Futur gibt. Die Zukünftigkeit wird in solchen Sprachen anders ausgedrückt, etwa über den Kontext. Es scheint also ein Konzept zu geben, das unabhängig vom Futur ist. Und diesem Konzept könnte man so etwas wie „Wirklichkeit“ zusprechen.

Könnte, denn auch das ist in der Philosophie umstritten. Aber halten wir fest: Es ist zu unterscheiden zwischen Ontological Tense (OT) und Grammatical Tense (GT) (Richter 2004). Was Spaemann formuliert, ist GT. Sein Argument zielt aber auf die OT. Der Sprung verfolgt unvermittelt, wie man von der einen Seite auf die andere kommt, ist völlig unklar. Das ist im besten Falle ein Kategorienfehler, im schlechtesten Falle ein Taschenspielertrick.

Dass am Abend des 6. Dezember 2004 zahlreiche Menschen in der Hochschule für Philosophie in München zu einem Vortrag über Rationalität und Gottesglaube versammelt waren, das nicht nur an jenem Abend wahr, das ist immer wahr.“ (aus dem WELT-Artikel 2005)

Spaemanns Beispielsatz ist also:

(1) Am Abend des 6. Dezember 2004 sind Menschen in der Hochschule für Philosophie in München zu einem Vortrag über Rationalität und Gottesglaube versammelt.

In der Futur-II-Version:

(2) Am Abend des 6. Dezember 2004 werden Menschen in der Hochschule für Philosophie in München zu einem Vortrag über Rationalität und Gottesglaube versammelt gewesen sein.

Dabei handle es sich um eine „ewige Wahrheit“. Um dies zu gewährleisten, müsse dieser Satz ewig geäußert oder wenigstens erinnert werden. Für den Wahrheitswert der Proposition (2) ist es Spaemann zufolge also von Bedeutung, ob die Proposition geäußert/erinnert wird oder nicht. Was ist das für ein Wahrheitsverständnis? Die GT ist Teil der Äußerung, der Wahrheitswert der Proposition ist Teil der Proposition. Gibt es keine Äußerung, gibt es auch kein Futur II und keinen Wahrheitswert.

Spaemann und sein Büchelchen

Spaemann und sein Büchelchen

Hier hat Spaemann den Hüpfer in die Ontologie vollführt, mit Salti und noch wunderlicheren Kunststückchen so feinst ziseliert, das keiner gemerkt hat, wie das vonstatten ging. Wenn er über die „ewige Wahrheit“ von (2) redet, dann geht es ihm nicht um den Satz (2), weder um die Äußerung desselben, noch um die Proposition. Es geht ihm darum, ob (2) „wirklich“ ist und bleibt, also um den ontologischen Status des in (2) beschriebenen Ereignisses. Diese Beschreibung kann wahr oder falsch sein, nicht aber das damit Beschriebene.

In Richter 2004 findet sich folgendes Beispiel:

(3) 2 plus 2 equals 4.

GT ist simple present, bzgl. OT scheint man aber von Zeitlosigkeit sprechen zu müssen, denn 2+2 ist immer 4, nicht nur in der Gegenwart. Analog funktioniert (2), GT ist Futur II, OT scheint Zeitlosigkeit zu sein. Spaemann will das Futur II durch ein ewiges Bewusstsein gerettet wissen, weil nur dann das Ereignis „wirklich“ sei. Das aber ist völlig überflüssig, denn selbst wenn es kein GT Futur II gäbe, bliebe noch die OT, und um die geht es.

Der Satz (2) “ist” also zeitlos, d.h. er ist immer wahr. Dafür braucht es niemanden, der das Futur II verwenden kann. Wie lässt sich nun sagen, dass (2) immer wahr ist? Dazu gibt es zwei Möglichkeiten, die auf McTaggart zurück gehen, und im folgenden Zitat von Poidevin/MacBeath erläutert werden:

On the first account (call this the ‚A account‘), what makes your utterance true is that a particular time, given the name ‚four o’clock‘, is present, and that fact is a fact about time, not about the location of your utterance. It is also a fleeting fact, for soon four o’clock will no longer be present. On the second account (call this the ‚B account‘), your statement is made true by the relational fact that the utterance is made at four o’clock. There is no further fact that four o’clock is present, and the fact that the utterance is made at four o’clock is not a fleeting fact: it remains the case at all times […].”

Der B-Ansatz kommt offensichtlich ohne irgendeinen Erinnerer aus, denn als Bezugspunkt dienen andere Zeitpunkte, früher oder später. Der A-Ansatz unterscheidet hingegen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – sieht so aus als könnte man den Erinnerer hier verorten, denn wenn Vergangenes nicht in Bezug auf Späteres vergangen ist (B-Ansatz), dann doch wohl in Relation zu einem Sprecher/Erinnerer. Hier täuscht die Intuition aber. Die Idee ist, dass z.B. vergangen sein und ebenso vergangen sein werden Eigenschaften sind. Richter diskutiert Events, Facts, Material Objects, Times und Propositions als Träger einer solchen Eigenschaft.

So oder so ist kein Plätzchen für den ewigen Erinnerer in der Diskussion über den ontologischen Status der Zeit zu finden. Dass es seiner bedarf hat Spaemann nicht schlüssig gezeigt. Der Versuch über das Futur II ist dermaßen weit ab vom Schuss, dass man durchaus sagen könnte, er habe es im Grunde gar nicht versucht.

Dennoch ist der Text erhellend: Er zeigt exemplarisch, was man mit Linguistik so alles an lustigen Dingen anstellen kann. Man kann sogar ein Argument für Gott formulieren, man muss es nur entsprechend unscharf und verschwommen präsentieren, z.B. indem man es auf 30 Seiten ausbreitet, auf diesen aber bis zum Schluss nur mit Name-Dropping angereichertes Vorgeplänkel liefert. Indem man dann in einem Satz Tempus und Zeit einfach gleichsetzt, kann man mit einfacher Grammatik hundert Jahre Philosophy of Time ignorieren.

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  • Le Poidevin, Robin und MacBeath, Murray: The philosophy of Time. Offord University Press, Oxford 1995.
  • Richter, Stefanie: The Reality of Tense. Hamburg University Press, Hamburg 2004.
  • Spaemann, Robert und Schönberger, Rolf: Der letzte Gottesbeweis. Pattloch Verlag, München 2007.
  • Stanford-Encyclopedia-Artikel zum Thema: http://plato.stanford.edu/entries/time/

Ein weiterer, wenige Monate nach Veröffentlichung des Buches erschienener lesenswerter Blogbeitrag zum Thema ist bei kamenin zu finden.

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