Asterisk und Erika

©Ehapa

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Die Dame rechts ist Dr. Erika Fuchs (1906-2005), geniale und stilprägende deutsche Übersetzerin zahlreicher Entenhausen-Comics. Stilprägend vor allem auch durch ihre deutschen Versionen der englischen Soundwords und das Verwenden von Lautmalereien für lautlose Geräusche (Grübel!) – letzteres findet sich heuer zwischen Asterisken geschrieben vielfach in Chaträumen und SMS (*grübel*).

Im aktuellen Die Tollsten Geschichten von Donald Duck Sonderheft (TGDDSH) beschäftigt sich nun Wolfgang J. Fuchs in seinen regelmäßig erscheinenden Entenhausener Geschichten mit eben diesen sprachlichen Phänomenen. Fuchs analysiert sie als Onomatopäien, also Lautmalerein. Dazu gehören auch die Booms und Wooshs, die sich ebenfalls häufig eingedeutscht finden.

Die meisten derartigen Wörter fallen jedoch eher in die Kategorie Inflektiv, die (analog zum Englischen) eine Art reduzierten Infinitiv darstellt. Manche Inflektive sind gleichzeitig gut als Lautmalerein einsetzbar, etwa schmetter oder krach. Andere wiederum gehen darüber hinaus: zum Beispiel grübel, anstreng oder freu. Nun nennt man den Inflektiv nach Erika Fuchs auch Erikativ. Und da kann ich mich Wolfgang J. Fuchs anschließen, wenn er sagt:

Fast schade, dass es den „Erikativ“ als Fachbegriff nicht wirklich gibt.

Schließlich hat Frau Fuchs mit ihren Übersetzungen einigen Einfluss gehabt, nicht zuletzt auf die Internetsprache, die inzwischen auch komplexere Inflektivkonstruktionen wie *amkopfkratz* kennt. Der Autor, der den begriff Inflektiv eingeführt hat, Oliver Teuber, ist vom Einfluss der Fuchs’chen Texte aber nicht überzeugt (zitiert nach Schlobinski 2001):

„[…] allein die Tatsache, daß Adelung sich im 18. Jahrhundert zu Inflektiven äußert, [sollte uns] an der stilistischen Einordnung ,Comicsprache‘ zweifeln lassen. Damit wird auch alles folgende fragwürdig, wie die impliziten Vorstellungen, es handle sich um historisch sehr junge Formen und es seien ,Lehnbildungen‘ nach den amerikanischen Originalen der übersetzten Mickymaus-Hefte.“ (Teuber 1998, 9210)

Peter Schlobinski hält dagegen:

„Gegenüber Teuber scheint mir die von ihm kritisierte Position haltbar und die Hypothese vertretbar, dass der Inflektiv als Wortform mit seinem grammatischen Potenzial zwar überhaupt erst Prädikationen ermöglicht, dass Inflektive möglicherweise singulär vor dem 20. Jahrhundert vorkamen, sich aber erst in der Comicsprache entwickelt und sich aus den Comics heraus in anderen Mediengattungen ausgebreitet und den Weg in jugendsprachliche Register gefunden haben.“ (Schlobinski 2001, S.194)

Frau Fuchs und nachfolgende Übersetzer haben dieses Phänomen also nicht erfunden, wohl aber salonfähig gemacht. Insbesondere die Internetsprache einschließlich SMS-Kommunikation scheint von dieser Vorarbeit profitiert zu haben. Peter Schlobinski fasst zusammen:

„Inflektive sind indes nicht völlig marginal und auf eine Mediengattung, nämlich den Comic, reduziert, sondern haben den Sprung in andere Mediengattungen und in das sprachliche Register Jugendlicher vollzogen, wobei teilweise das Inflektiven inhärente grammatische Potenzial expliziert wird mit der Folge, dass Inflektivkonstruktionen entstehen.“ (Schlobinski 2001, S.215)

Freilich bleibt Freiraum für die Frage, welche Funktion der Inflektiv in Comics bzw. in der Internetsprache spielt. Ist es in letzterem Fall vermutlich häufig auch eine Frage der Zeit- und Platzersparnis, dürfte diese Motivation Comic-Texter eher selten antreiben. Schlobinski spricht von einer Entwicklung vom „ikonischen Gebrauch“ zu „ausdifferenzierten Illokutionen“, also sprachlichen Handlungen (Etwa: *wissenwillobduvorbeikommst*). Die Internetsprache hat hier also schon ganz neue Möglichkeiten entwickelt, die sich im Comic nur schwierig darstellen lassen. Letztlich dürfte in beiden Fällen auch der Spaß an der kreativen Arbeit eine Rolle spielen. In Asterisken lässt sich herrlich experimentieren – auch Erika Fuchs hat experimentiert: Klickeradoms! (€: Korrektur: Der Ausdruck stammt, wie ich erfahre, von Wilhelm Busch. Aber das ist ja auch Comic, weitestgehend.)

Am Rande bemerkt: Sound Word ist nicht nur selbst ein bisweilen verwendeter Anglizismus, auch viele Sound Words bzw. Inflektive selbst sind bisweilen Anglizismen, denn nicht immer werden sie übersetzt. Entweder weil dadurch „allzu viel am Bild umgezeichnet werden müsste“, wie Wolfgang J. Fuchs bemerkt, oder weil eine Comicpublikation in mehreren Ländern erscheinen soll und aus ökonomischen Gründen nur die Sprechblasen angepasst werden. Einen Anglizismencomic enthält z.B. auch das aktuelle TGDDSH.

Eine Diskussion über Für und Wider von Anglizismen in Comics findet sich denn auch schon hier (ab etwa Beitrag #43)

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  • Schlobinski, Peter: *knuddel – zurueckknuddel – dich ganzdollknuddel*. Inflektive und Inflektivkonstruktionen im Deutschen. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik, 29 Ausgabe 2 (2001), S. 192-218.

3 Antworten

  1. Ich möchte die obige Darstellung zum Anlass nehmen, die in meinen Augen ähnlich gelagerten Verdienste Herbert Feuersteins um die bleibende Sprachprägung einer ganzen Generation ins Blickfeld zu rücken. Bevor er nämlich Harald Schmidts Pausenclown oder besser Punchingball wurde, war er lange Jahre Chefredakteur (und Übersetzer) der deutschen Ausgabe von MAD. Eine Aufgabe, die er mit Bravour und einem gehörigen Schuss Genialität erfüllt hat und z.B. meinen Wortschatz bleibend bereichert hat. Beispiele gefällig? Bitte: Würg, lechz, hechel, keuch. Und besonders bei der „Vertonung“ der Don-Martin-Comics hat er sich selbst übertroffen, wovon so manches „Gaspritza“ und „Zappadipp dippadong“ zeugt. Letzteres ist übrigens das alternative Fortbewegungsgeräusch der Küchenschabe – wenn das „Kribbelkrabbel“ zu gefährlich ist …

  2. Danke für die Anmerkung!

    In dem zitierten Schlobinski-Text wird tatsächlich auch auf die Feuerstein’chen Verdienste eingegangen, ich habe das aber unterschlagen, weil mir seine Arbeiten ausnahmslos nicht bekannt sind. War vor meiner Zeit.😉

    Er könnte ja mal wieder etwas in die Richtung machen, mit dem TV scheint es ja nicht mehr so zu klappen.

  3. Er hat übrigens auch ein paar sehr bemerkenswerte Bücher geschrieben, die ihn als intelligenten, sensiblen, gut beobachtenden und genau beschreibenden Menschen zeigen. Das schönste ist wahrscheinlich „Feuersteins Reisen“. Ist natürlich schon lange nicht mehr lieferbar …

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