Überblick: Internetsprache

Als Einstieg in eine Thematik ist es immer von Nutzen, sich erstmal einen Überblick zu verschaffen, bevor man drauflostheoretisiert. Sonst versagt am Ende der theoretische Ansatz, weil man die Hälfte der zu erklärenden Phänomene vergessen hat. Dann sitzt man immer da und überlegt halbverzweifelt, wie man den eigenen Ansatz noch durchwurschteln retten kann, ohne ganz von vorne beginnen zu müssen. (Ich habe keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen, ich kann das zugeben.)

Also fangen wir von vorne an. Am besten mit der Überschrift: Internetsprache. Dass das Thema noch nicht sehr umfassend behandelt worden ist, bemerkt man schon daran, dass es keine einheitliche Bezeichnung dafür gibt. Häufig liest man von Chatsprache oder Chat-Kommunikation, von Gamerslang oder gar SMS-Deutsch. Beliebtester Begriff dürfte aber Netzjargon sein – diesen Namen verwendet etwa die Wikipedia. Dann gibt es noch Websprache oder eben Internetsprache.

Von der Wikipediavariante Netzjargon – die als net jargon auch Verwendung im Englischen findet – halte ich nicht viel. Ein Jargon ist eine Sprachvarietät, die von einer Minderheit in einem bestimmten Kontext gesprochen wird – historisch etwa die Studentensprache, heute zum Beispiel Slangs der Hip-Hop-Szene. Auch der erwähnte Gamerslang mitsamt Subkategorien fällt darunter. Internetsprache scheint aber durchaus mehr zu sein – viele Phänomene finden sich überall im Netz, ungeachtet irgendwelcher Szenen, Alters-, Bildungs- oder sonstiger Gruppen. Angesichts der fortgeschrittenen Vernetzung Deutschlands müsste man die Definition von Jargon schon recht weit dehnen, um die Besonderheiten der webgestützten Kommunikation darunter fassen zu können. Es ist zudem eine interessante Frage, inwieweit sich die Internetsprache überhaupt noch als Sprachvarietät analysieren lässt.

Internetsprache hat aber auch Nachteile: Der Begriff lässt eigentlich SMS außen vor, beinhaltet aber auch IP-Telefonie und Webcam-Funktionen. Vielleicht ist es am genauesten, von schriftlicher digitaler Kommunikation zu sprechen. Da ich das aber zu sperrig finde, bleibe ich beim guten, alten Internet. Schließlich können sich die meisten unter Internetsprache etwas Konkretes vorstellen.

Verwenden wir also diesen Begriff und fragen: Was sind Phänomene der Internetsprache? (Ohne Vollständigkeitsanspruch – es fällt einem immer mehr ein/auf. Für weitere Hinweise bin ich dankbar.)

  • Emoticons 🙂
  • Handlungsasterisken *g
  • Akronyme/Abkürzungen lol
  • Satzendzeichenkombinationen !!!
  • 1337speak l1k3 th1s
  • Pseudo-Code [rant] Du nervst [/rant]
  • All Caps DU NERVST
  • Bildsprache (mit ASCII-Symbolen oder JPGs o.ä.)
  • Fremdsprachliche Einflüsse

Edit: Ergänzende Punkte:

  • Durchstreichungen Du nervst
  • Fraglich: Weitgehender Verzicht auf Rechtschreibregeln, z.B. dialektal bedingt

Nicht alle diese Phänomene sind Internet-exklusiv. 1337 und diverse Akronyme haben sich auch anderweitig durchgesetzt, Satzendzeichenkombinationen, Anglizismen oder Bildsprache gab es vorher schon. Aber nirgendwo finden sie sich in derselben Häufung wie im Internet, sei es im Chat, im Forum, in der Email, auf Webseiten oder in der SMS.

Ein häufig verwendeter Erklärungsansatz dreht sich um Schriftsprache und Gesprochene Sprache, bzw. um die Interpretation der fraglichen Phänomene als verschriftlichte Mündlichkeit. Es geht also um verschwimmende Grenzen zwischen Sprechen und Schreiben – Grenzen, die zu früheren Zeiten sehr deutlich gezogen waren, besonders durch Chats und SMS aber in Auflösung begriffen sind.

Das ist sicherlich ein guter Punkt, aber meines Erachtens nur ein Teilaspekt. Zum einen lässt sich durchaus auch eine Veränderung der Schriftsprache konstatieren, wenn „Chatphänomene“ in Emails, Foren oder sogar in Offline-Mails (sog. „Briefe“) transportiert werden. Zum anderen scheint es auch so zu sein, dass die oben aufgezählten Phänomene gänzlich neue Möglichkeiten bieten, die sie der gesprochenen Sprache voraushaben. Waren z.B. Smilies anfangs nur der Versuch, einfache Gesichtsausdrücke zu verschriftlichen, liefern sie heute ein Sammelsurium an Ausdrucksmöglichkeiten, das sich mimisch wie gestisch niemals in dieser Fülle darstellen lässt. Auch, um ein weiteres Beispiel zu nennen, Handlungsasterisken sind etwas Neues: Sie sind Abkürzungen für wesentlich längere Handlungsbeschreibungen (*beeil* für Ich beeile mich ja schon) – Ablürzungen, die mündlich nicht zur Verfügung stehen.

Internetsprache soll also nicht als bloße Diskrepanz zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit analysiert werden, sie soll als Szenesprache fehlgedeutet werden. Internetsprache scheint mehr zu sein.

10 Antworten

  1. Stimmt, Internetsprache ist etwas Eigenes, nicht nur ein Punkt auf dem Kontinuum zwischen Sprech- und Schriftsprache.

    Aber die Inflektive – *besserwiss* – sind doch nicht der Internetsprache zueigen?! Die kommen doch aus Comics. Und sprechen kann man sie ganz wunderbar! Bis zum Alter von 14 habe ich mich praktisch nur so unterhalten – und damals gab es noch gar kein Internet. *kicher*

  2. Darf ich noch was beisteuern?
    Wie wärs mit dem scherzhaften Durchstreichen in Blogeinträgen?
    Z.B.: http://www.coffeeandtv.de/2008/06/20/voila-inspiration/

    Das habe ich offline noch nie gesehen, online begegnet es einem sehr häufig.

  3. IM GEGENSATZ ZU ALL CAPS würde mir auch die angewohnheit einfallen, alle wörter kleinzuschreiben, was sich natürlich vor allem im deutschen bemerkbar macht.
    ich denke man sollte dabei immer auch die materialität dessen, womit man schreibt, in betracht ziehen. schreibt man mit einem füller oder kuli, ist es vom aufwand her (fast) egal, ob man ein Wort groß oder klein schreibt, bzw., dadurch das wir von anfang an lernen, dass man „Haus“ nunmal mit großem H schreibt, ist es gewissermaßen in uns verinnerlicht… (drei punkte zu setzen kommt auch gehäuft in der internetsprache vorher, das nur nebenbei) ganz anders bei der tastatur: es ist schon relativ aufwändig, jedes mal an die shift-taste zu denken, sie zu treffen, gedrückt zu halten und dann den buchstaben zu drücken (das klingt blöd, aber ich meine es genauso) und da der schrifterwerb auf der tastatur im normalfall mehr oder weniger ungesteuert verläuft, ist hier auch die verinnerlichung nicht so groß.

  4. @jordroek
    Stimmt, der Verzicht auf Großschreibung findet sich häufig – allerdings ist das mE nur ein Symptom des allgemeinen Verzichts auf Rechtschreibregeln, der, da stimme ich zu, der Bequemlichkeit geschuldet ist. Ob diese Regelfaulheit nähere Beachtung verdient, da bin ich mir nicht recht sicher. Denn öetztlich kann ich aus den anderen aufgezählten Phänomenen eine Bereicherung der Sprache lesen, aus dem bloßen Verzicht auf Regeln jedoch nicht.

    @Lars Hinrichs
    In Comics kommen diese Varianten nur in sehr begrenzter Form vor – hier mal ein gähn, da mal ein zitter. Und selbst das hauptsächlich „nur“ in Funnies, in anderen Genres weniger. In Superheldencomics kommen eher lautmalerische Krachs und Kabooms vor, in vielen anderen Comics, Graphic Novels wie Watchmen z.B. wird ganz darauf verzichtet. Die Internetsprache ging und geht da viel, viel weiter.
    Die Verwednung von Inflektiven als Kind kenne ich übrigens nicht in dieser Form, weder von mir noch von anderen. Aber vielleicht waren wir bloß zu konservativ.😉

    @STU
    Stimmt, danke. Ich ergänze mal deinen und jordroeks Punkte.

  5. Stimmt, im Internet weiter entwickelt. Und stimmt – wenn mündlich verwendet, dann als Zitat von Comicrhetorik. Auf jeden Fall was besonderes, was die Position unterstützt, dass Internetsprache etwas Eigenes ist.

    Falk, zur mündlichen Verwendung von Inflektiven: Bist Du nicht mit der Konstruktion PRON so INFLEKTIV in Narrativen großgeworden – also

    er so lach = er lachte

    aus der sich in der Folge PRON so als Quotativ entwickelt hat, also

    ich so hä? = ich sagte hä?

    ? (Dazu gibt es auch Literatur, die ich leider noch nicht kenne.)

  6. Hmm, ich muss mal meine Mama fragen, ob sie sich daran erinnert.🙂
    Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern – auch nicht, das jemals irgendwo anders gehört zu haben. Aber vielleicht muss ich auch bloß genauer hinhören. Da werde ich mal drauf achten.

  7. Vorschläge für Ergänzungen:

    – aLt cApS (aLtErNaTiNg CaPiTaLs)

    – Auslassungspunkte … als Ersatz für Satzzeichen

    – Keine Ahnung, ob es dafür einen Namen gibt, aber Leute in der Gabber-Szene und 12-16-jährige Mädchen scheinen eine Vorliebe dafür zu haben, die Buchstaben c, g und k durch q zu ersetzen.

    – plenken und klempen

    – Ich nenn’s mal homophone Substitution. Ein Laut statt aus mehreren Buchstaben nur aus einem Buchstaben gebildet. Shice = Scheiß, kewl = cool, axo = ach so, getrickst = getrixt, M0wl! = Maul!

    – Absichtlich übertriebenes Falschschreiben oder Überverwendung von Kürzeln
    I iz teh skillz0riz0r!11111oneoneoneeleventy

    – Ähnlich dazu: LOLCatspeak. Nur im Englischen. Kleinkindartige Sprache, absichtliche Grammatik- und Rechtschreibfehler, unregelmäßige Verben werden trotzdem mit -ed gebeugt, homophone Substitution. Eindrücke auf http://icanhascheezburger.com/
    („dis howze no has basment. hao amm ai 2 doo mai ebil stuffz?“ = „This house has no basement. How am I to do my evil stuff?“)

    – Memes. Siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Internet_meme und http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Internet_phenomena

  8. wenn ich von mir ausgehe, ist es durchaus der fall, dass ich alles klein schreibe, weil es mir zu umständlich ist, ständig diese taste zu drücken (behindert nur meinen schreibfluss).
    ein phänomen, das mir noch aufgefallen ist, viele schreiben gerne in ihrer jeweiligen mundart, lassen pronomen weg und häufig auch satzzeichen, wie kommas. (zumindest machsch des imma wennch mit freundn chatte😉 )

  9. Falls es dich jetzt noch interessiert – in der Fachliteratur spricht man gerne von CMC – computer mediated communication. Und du hast ganz recht, dass es da besondere Regeln gibt, die zwischen den Konventionen der oralen und der traditionell schriftlichen Kommunikation liegen. Das spannende ist also eher, nach grundlegenden linguistischen Eigenschaften des Phänomens von CMC zu suchen, statt oberflächlich Beispiele aufzuzählen, die nur ein Epiphänomen, nicht aber Bestimmungsmerkmal von Internetsprache sind.
    /klugscheiß off

  10. Freilich lassen sich solche grundlegenden linguistischen Eigenschaften am ehesten anhand der Oberflächenphänomene herausarbeiten. Irgendwo muss man ja anfangen.

    Und dann plädiere ich noch für Ergebnisoffenheit – ich denke zwar auch, dass sich für Internetsprache eigene, neue Regeln feststellen lassen, aber vielleicht ist das ja falsch.

    Also, kurz gesagt, von vorne anfangen ist schon am besten.😉

    @Sarah
    Stimmt, den Dialekteinfluss bemerke ich im Chat auch, manch einer transportiert das sogar in Foren. Ich denke aber, dass man das unter Verzicht auf Rechtschreibregeln aufführen kann.

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