Ein bemerkenswerter österreichischer Spieler

Nun sind die EM-Gastgeber leider – oder aus deutscher Sicht: zum Glück – schon ausgeschieden, so dass ich folgenden Gedanken noch loswerden sollte, bevor die nachbarländischen Fußballer wieder in Vergessenheit geraten. Der erwähnte Gedanke dreht sich um einen bemerkenswerten österreichischen Spieler, der aus einem ganz einfachen Grund so bemerkenswert ist: Es gibt ihn gar nicht. Gemeint ist: René Aufhäuser.

Trotz seiner Nichtexistenz hat Aufhäuser einigen Medienrummel verursacht. So erwähnen ihn der Stern, der Kicker (unter Spielinfos) oder ProSieben. Auch in (mindestens) einem Live-Kommentar war schon die Rede von Herrn Aufhäuser.

Wer nun die EM (veraltet für: die Euro) aufmerksam verfolgt hat, weiß, dass der imaginäre Mann sehr wohl existiert, aber eigentlich Aufhauser heißt. Aus diesem Umstand könnte man nun sicherlich eine Zwiebelfischkolumne stricken. Mag ich aber nicht. Das Interessante an diesen Fehlern ist, warum sie produziert wurden.

Vermutlich lassen sich die Fehlleistungen zuerst einmal als Versprecher bzw. Verschreiber klassifizieren. Der richtige Name war den Journalisten bekannt, aber nicht bewusst. Aus irgendeinem Grund gefiel ihnen der Aufhäuser zum Zeitpunkt der Äußerung besser als das Original. Konkret scheint es sich mir um eine lautliche Substitution (nach dem Uraltwerk von Meringer und Mayer, das in der Mainzer Bibliothek in Frakturschrift zu lesen ist) zu handeln. <au> wurde durch <äu> ersetzt.

Auffällig ist hier natürlich die Nähe zu dem Plural von Haus, Häuser. Dieses <äu> wiederum ist in der historischen Sprachwissenschaft gut dokumentiert, als Lautveränderung, genauer: als Umlaut. Die erste solche Lautverschiebung findet sich auf dem Weg vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen und ist auch als i-Assimilation bekannt. Ein i in der Folgesilbe führte zu einer Angleichung des Lautes der Vorsilbe. Etwa:

ahd. gasti > ahd. gesti ‚Gäste‘
ahd. wurfil > mhd. würfel ‚Würfel‘
ahd. husir (mit langem u) > mhd. hiuser (iu im mhd. gesprochen wie heute ü) ‚Häuser‘
(aus: Nübling 2006)

Das u verschiebt sich also, grob gesagt, in der Artikulation nach vorne, und wird zum iu. Später, im Mittelhochdeutschen, wurde aus iu dann eu, als der „oi-Laut“, der sich eben auch in Häuser findet.

Den Hauser hingegen gibt es nur als Name – Kaspar Hauser, Waldhauser, Berghauser, abgeleitet von Ortsnamen, die auf –haus oder –hausen enden. Und tatsächlich: Aufhausen gibt es ebenfalls, Wikipedia zufolge ganze 14 mal, ausschließlich im süddeutschen/österreichischen Raum (im Norden dürfte man es mehr mit -husen haben). Möglich, dass René Aufhauser Vorfahren in einem dieser Örtchen hatte.

Der Versprecher/Verschreiber könnte sich also so erklären lassen, dass hier ein Konflikt zwischen Namen wie Hauser und der Pluralform Häuser vorliegt. Da letztere Form die wesentlich bekanntere ist, dürften viele Sprecher/Schreiber das äu dem eher unbekannten au vorziehen. So wird der Aufhauser dann zum Aufhäuser.

Wer also Fehler wie den hier Behandelten für bloße Fehler hält und meint, damit sei alles gesagt, der liegt falsch. Meines Wissens hat glücklicherweise noch kein Sprachnörgler diese zahlreichen falschen Aufhäuser bemerkt. Falls sich doch noch jemand darauf stürzt, sei hier prophylaktisch nochmal aus dem oben schon verwendeten Buch von Frau Nübling zitiert:

„Die meisten Leute assoziieren jedoch mit Sprachwandel merkwürdige Dinge: Erstens halten sie Sprachwandel durchweg für etwas Verwerfliches, für Sprachverfall, für den Niedergang der deutschen (Sprach-)Kultur u.ä. […] Leider werden solche so unberechtigten wie unwissenschaftlichen Bewertungen durch eine schlechte Populärliteratur zu fast allen Themen der Sprache genährt – eine umso bedauerlichere Tatsache, als das Interesse vieler Menschen an sprachlichen, gerade auch sprachgeschichtlichen Themen groß ist.“

———————–

Meringer, Rudolf und Mayer, Carl: Versprechen und Verlesen: eine psychologisch-linguistische Studie. Göschen’sche Verlagshandlung, Stuttgart 1895.

Nübling, Damaris et al: Historische Sprachwissenschaft des Deutschen. Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2006.

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