Deutsche Sprache vor dem Ende! O rly?

Gerade gestern wurde eine Allensbach-Studie präsentiert, die sich mit den Gedanken der Deutschen über ihre Sprache befasst. Wenig verwunderlich und überraschenderweise sind diese Gedanken weitgehend negativ und pessimistisch ausgefallen. Wenig verwunderlich, weil das Lamento über den „Sprachverfall“ ja großes Medieninteresse genießt, überraschenderweise, weil es allerdings irgendjemanden geben muss, der den „Verfall“ der Sprache produziert – und wer immer das ist, er wird es nicht tun, weil er muss, sondern weil er will.

Die Studie ist im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Sprache durchgeführt worden und kann hier eingesehen werden. Wie die Grafik links zeigt, droht unsere Sprache in den Augen von 65% der Befragten „immer mehr zu verkommen“. Gründe dafür sind neben genereller Medienkritik („zu wenig gelesen“, „zuviel TV“) vor allem die wahrgenommene Anglizismeninvasion und Phänomene der Internetsprache.

Mir scheinen diese Ergebnisse gleich in zweierlei Hinsicht arg schizophren ausgefallen zu sein: Zum Einen müsste man davon ausgehen, dass nur die 23%, die keinen „Sprachverfall“ sehen, diejenigen sind, die eben diesen „Verfall“ in den Augen der 65% verursachen. Es ist fraglich, wie eine so (vergleichsweise) kleine Gruppe einen derart großen Effekt auf die Sprache haben kann, dass sie als „verkommend“ empfunden wird.

Zum Anderen passt die Kritik an neuen Medien wie SMS und Email (48% Zustimmung) nicht zu der Überzeugung, die Leute würden heuer weniger lesen als früher (53% Zustimmung). Wenn weniger gelesen wird, dann kann der Einfluss neuer Medien nicht so fürchterlich groß sein, und wenn umgekehrt SMS und Email für „Sprachverfall“ sorgen, dann kann man schwerlich behaupten, heute würde zu wenig gelesen. Man meint doch, aus diesen Ergebnissen gewisse Vorurteile gegenüber modernem Firlefanz herauslesen zu können – will sagen: Moderne Schriftkommunikationsmittel werden wohl als weniger „gut“ wahrgenommen als die alten Varianten. Nur Papier ist echtes Lesen.

Diese Vermutung bestätigt laut Tagesspiegel der kultur- und medienpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Christoph Waitz:

„Schon die Begriffe ‚Chatten‘ und ‚Simsen‘ seien ein ‚Paradebeispiel für die Verschluderung unserer Sprache‘, sagte Waitz. ‚Wenn dem Sprachverfall nicht endlich Einhalt geboten wird, dann gibt es bald keine allgemeinverständliche deutsche Sprache mehr.'“

Aus dieser Aussage spricht mehr die Ignoranz gegenüber modernen Sprachentwicklungen im Deutschen. Chatten und Simsen so scharf zu kritisieren, ist doch eher Ausdruck einer (unterbewussten?) Ablehnung der entsprechenden Medien als der Wörter. Vielleicht lässt sich Herr Waitz beruhigen, wenn man ihn darauf hinweist, dass beide Wörter sogar schon im Duden stehen? Aber dann ist wahrscheinlich der Duden Medium des „Sprachverfalls“.

Waitz zufolge sind, das lässt aufhorchen, nun „die Eliten gefordert“. Also genau die Altersgruppen, die das „Verkommen“ des Deutschen am meisten beklagen – und die am allerwenigsten mit Chatten und Simsen zu schaffen haben.

Positiv darf aber stimmen, dass die Umfrage auch die starke Diskrepanz zwischen den Altersgruppen aufzeigt. Jüngere Sprecher, die sich vor dem Internet nicht mehr verstecken können und die über immer bessere Englischkenntnisse verfügen, sehen die Entwicklung der deutschen Sprache weit gelassener. Auch fällt in einigen der aktuellen Berichte zur Studie Rudolf Hoberg von der auftraggebenden GfdS positiv auf:

„Der GfdS-Vorsitzende Rudolf Hoberg relativierte und sagte, das Ergebnis müsse Anlass sein, von Pauschalurteilen über den Sprachverfall Abstand zu nehmen. ‚Man kann nicht daraus schließen, dass es früher wirklich besser war.‘ Klagen habe es schon immer gegeben. Die Sprache sei im ständigen Wandel begriffen.“
(Hamburger Abendblatt)

3 Antworten

  1. Allein diese erste Frage aus der Erhebung ist ebenso perfide gestellt wie wissenschaftlich unseriös und statistisch unbrauchbar. Es werden zwei völlig verschieden Sachverhalte abgefragt: (1) „Stimmen Sie mit der Ansicht überein, daß die meisten Menschen bei uns in Deutschland nur noch wenig wert auf eine gute Ausdrucksweise legen?“ und (2) „Stimmen Sie mit der Ansicht überein, daß die deutsche Sprache immer mehr zu verkommen droht?“ Bezogen auf (1), die Frage zur Ausdrucksweise, ist (2) ein offensichtliches non sequitur — nichts gegen Rhetorik, aber das ist demagogisch. Dazu wird in (1) durch die Formulierung „nur noch“ wie selbstverständlich die Prämisse mitgeschmuggelt, daß dies eine profund zeitgenössische bedrohliche Entwicklung sei: unbelastet jeder sprachhistorischen oder sprachwissenschaftlichen Kenntnisse darf dieser Ansicht natürlich gefrönt werden, hat aber als mitgeschmuggelte Prämisse weder in (1) noch in (2) etwas zu suchen.

    Zum unverblümten non sequitur und zur verschleierten Prämisse gesellt sich zudem eine maximal suggestive Formulierung. Mehr noch: die Formulierung zwingt im Falle der Verneinung Antwortende dazu, Unsinn zu produzieren. Denn eine Verneinung des „Stimmen Sie mit der Ansicht überein …“ generiert automatisch die Aussage, daß „die meisten Menschen in Deutschland Wert auf eine gute Ausdrucksweise legen“ — eine Ansicht, die vermutlich nur wenige so unterschreiben wollen würden, mich selbst eingeschlossen.

    Und das ist bloß die erste Frage; noch schreiender unwissenschaftlicher und statistisch unbrauchbarer Unsinn folgt. Die Art und Weise, mit der in dieser Umfrage hemmungslos manipuliert wird, um die gewünschten Ergebnisse zu erhalten, vereint die Methoden, die Ben Goldacre in seinem „Bad Science“-Blog regelmäßig anprangert, mit den Strukturen kreationistischer Rhetorik.

    ^_^J.

  2. Ob die GfdS oder Allensbach tatsächlich die Intention hatten, die Ergebnisse in die Nörgelschiene zu lenken, halte ich durchaus für zweifelhaft. Aber du hast klar Recht, dass durch die Fragestellung schon eine bestimmte Tendenz gefördert wird.

    Man müsste die Studie mal mit umgekehrter Fragestellung wiederholen, also durchweg positiv formuliert.

    Etwa: „Denken sie, dass die zunehmende Nutzung schriftlicher Medien durch Jugendliche deren Sprachgefühl zugute kommt?“

    Wahrscheinlich würde sich das Ergebnis nicht komplett umdrehen lassen, aber ein optimistischeres Bild würde vermutlich durchaus entstehen.

  3. Bestimmte Tendenz? LOL!

    Aber vielleicht habe ich mich unklar ausgedrückt. In soziologischen und psychologischen Fakultäten gibt es Veranstaltungen, zum Beispiel unter dem Titel „Erhebungsverfahren“, in denen sich das Entwerfen von Umfragen und deren Auswertung erlernen läßt, und es gibt dazu auch gute Literatur, nicht zuletzt Bortz/Döring. Ich kann nicht glauben, daß Allensbach selbst von den rudimentärsten Methoden zum Entwerfen auswertbarer Umfragen noch nie etwas gehört hat, und wenn die Fragen dort im Institut entworfen wurden, dann gute Nacht Statistikkorpus. Daß GfdS und Sprachrat noch nie von solchen Grundlagen hörten, glaube ich dagegen gerne — deren Bestreben, Expertenrat einzuholen im Vorfeld alarmistischer Behauptungen, war bislang keine signifikante Eigenschaft.

    Nicht auf „positiv“ oder „negativ“ formulierte Fragen kommt es an, sondern auf eine Formulierung, die bestimmten Mindeststandards und Standardisierungen entspricht. Erhebungen und Statistiken unterliegen solchen Regeln und Standards, weil sie ein integraler Bestandteil der wissenschaftlichen Methode sind. Die Regeln und Standards sorgen dafür, daß Erhebungen sinnvoll auswertbar sind und, möglichst frei von Nebeneinflüssen, tatsächliche Signifikanzen und Tendenzen erkennen lassen.

    Diese „Umfrage“ hier ist signifikant lediglich im Rahmen der offenbarten Ignoranz über die trivialsten Grundlagen zur Anfertigung von Erhebungen und hinsichtlich der Tendenz, das zu hören, was der Nörgler hören will. „Intention“ würde ich dabei nicht unterstellen, allein schon deswegen, weil dies überhaupt nicht nötig ist. Die Unterscheidung zwischen Ignoranz oder Intention spielt in diesem pseudowissenschaftlichen Kellergeschoß keine wesentliche Rolle.

    ^_^J.

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