„Man darf das mit dem Richtig und Falsch nicht so dogmatisch sehen“

Sagt Professor Rudi Keller in der Sueddeutschen. In dem Interview geht es unter anderem um Anglizismen und deren Verwendung. Genau genommen, meine ich, müsste man überlegen, ob „richtig“ und „falsch“ in Bezug auf die Sprechpraxis der Sprecher überhaupt sinnvolle Kategorien sind. Wenn je nach sprachlichem Kontext etwas anderes „richtig“ ist, dann scheint es mir sinnvoller, den Begriff zu ersetzen – denn „richtig“ und „falsch“ sind recht eindeutig besetzt. Schule sei Dank.

Aber eigentlich will ich nur auf den lesenswerten Artikel verweisen. (Man beachte auch die Kommentare, die teilweise mit Schaum vor dem Mund vorgetragen werden…)

sueddeutsche.de: Wie sind Sie darauf gekommen, eine Arbeit über den Sprachverfall beziehungsweise über den Sprachwandel zu schreiben?

Rudi Keller: Seit 2000 Jahren ist literarisch belegt, dass Menschen sich über den Sprachverfall Gedanken machen. Und doch hat noch kein Mensch jemals eine verfallene Sprache vorführen können – so etwas scheint es nicht zu geben. Ich habe bereits vor 15 Jahren ein Buch geschrieben zum Thema „Sprachwandel“. Nebenbei habe ich mich mit dem Thema des sogenannten Sprachverfalls befasst. Meine generelle These ist, dass das, was Menschen aus ihrem begrenzten Blickfeld heraus als Sprachverfall wahrnehmen, im Wesentlichen nichts anderes ist als der ganz normale Sprachwandel. Und wenn man Beispiele für fehlerhaftes Deutsch in einem größerem Rahmen sieht, dann stellt man fest: Es ist nichts verfallen, es hat sich nur verändert – und mit der Zeit fällt es niemandem mehr auf.

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Internetsprache Live (Diablo!!!)

Wer sich gerne Internetuser in freier Wildbahn anschauen möchte, dem empfehle ich die Kommentare zu Blizzards neuem Trailer auf Youtube. Blizz, wie die Firma liebevoll genannt wird, hat vor kurzem angekündigt, dass Diablo III in der Mache sei. Das ist vom Hype-Faktor her ungefähr so, als würden George Lucas und Peter Jackson ein Lord of the Rings Indiana Jones Star Wars“-Crossover mit Harry Potter in der Hauptrolle ankündigen. Dementsprechend hält man sich mit Ausrufezeichen und begeisterten Akronymen nicht zurück. Weiterlesen

Überblick: Internetsprache

Als Einstieg in eine Thematik ist es immer von Nutzen, sich erstmal einen Überblick zu verschaffen, bevor man drauflostheoretisiert. Sonst versagt am Ende der theoretische Ansatz, weil man die Hälfte der zu erklärenden Phänomene vergessen hat. Dann sitzt man immer da und überlegt halbverzweifelt, wie man den eigenen Ansatz noch durchwurschteln retten kann, ohne ganz von vorne beginnen zu müssen. (Ich habe keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen, ich kann das zugeben.)

Also fangen wir von vorne an. Am besten mit der Überschrift: Internetsprache. Dass das Thema noch nicht sehr umfassend behandelt worden ist, bemerkt man schon daran, dass es keine einheitliche Bezeichnung dafür gibt. Häufig liest man von Chatsprache oder Chat-Kommunikation, von Gamerslang oder gar SMS-Deutsch. Beliebtester Begriff dürfte aber Netzjargon sein – diesen Namen verwendet etwa die Wikipedia. Dann gibt es noch Websprache oder eben Internetsprache. Weiterlesen

Ein bemerkenswerter österreichischer Spieler

Nun sind die EM-Gastgeber leider – oder aus deutscher Sicht: zum Glück – schon ausgeschieden, so dass ich folgenden Gedanken noch loswerden sollte, bevor die nachbarländischen Fußballer wieder in Vergessenheit geraten. Der erwähnte Gedanke dreht sich um einen bemerkenswerten österreichischen Spieler, der aus einem ganz einfachen Grund so bemerkenswert ist: Es gibt ihn gar nicht. Gemeint ist: René Aufhäuser.

Trotz seiner Nichtexistenz hat Aufhäuser einigen Medienrummel verursacht. So erwähnen ihn der Stern, der Kicker (unter Spielinfos) oder ProSieben. Auch in (mindestens) einem Live-Kommentar war schon die Rede von Herrn Aufhäuser. Weiterlesen

Wörter gibt’s…

…die gibt’s gar nicht.

Vorhin stolperte ich in einem korrekturzulesenden Text über den Ausdruck des Weiteren und wollte reflexhaft ein desweiteren daraus machen. Das aber wäre falsch, denn diese Zusammenschreibung kennt kein mir zur Verfügung stehendes Wörterbuch.

Und Google erzielt für die erste Variante auch direkt 6.930.000 Treffer. Klare Sache. Könnte man meinen. Für die zweite Schreibung finden sich nämlich immerhin 5.700.000 Pages. Da sollte man doch meinen, dass es auch desweiteren inzwischen zur Gültigkeit geschafft haben sollte.

Daran zeigt sich zum Einen die Normativität der Wörterbücher, zum Anderen aber auch eine Eigenartigkeit der Rechtschreibform – die erlaubt nämlich des Weiteren (statt des weiteren), ignoriert aber die beliebte Zusammenschreibung. Auch wenn die neue Version grammatisch Sinn machen dürfte (wohl als Genitiv von das Weitere), wäre eine Erlaubnis der ohnehin verwendeten Schreibung brauchbarer gewesen.

Deutsche Sprache vor dem Ende! O rly?

Gerade gestern wurde eine Allensbach-Studie präsentiert, die sich mit den Gedanken der Deutschen über ihre Sprache befasst. Wenig verwunderlich und überraschenderweise sind diese Gedanken weitgehend negativ und pessimistisch ausgefallen. Wenig verwunderlich, weil das Lamento über den „Sprachverfall“ ja großes Medieninteresse genießt, überraschenderweise, weil es allerdings irgendjemanden geben muss, der den „Verfall“ der Sprache produziert – und wer immer das ist, er wird es nicht tun, weil er muss, sondern weil er will.

Die Studie ist im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Sprache durchgeführt worden und kann hier eingesehen werden. Wie die Grafik links zeigt, droht unsere Sprache in den Augen von 65% der Befragten „immer mehr zu verkommen“. Gründe dafür sind neben genereller Medienkritik („zu wenig gelesen“, „zuviel TV“) vor allem die wahrgenommene Anglizismeninvasion und Phänomene der Internetsprache. Weiterlesen

Punctuated Equilibria

Der folgende Beitrag war schon vor einiger Zeit auf dem Brightsblog zu lesen. Ich hole ihn aus logistischen Gründen auch hierher. Aktuell ist das Thema wohl mindestens noch die nächsten Dekaden…

Sind Lücken ein Argument für Gott? Aus Sicht diverser Intelligent-Design-Vertreter durchaus. Deswegen stürzen sie sich mit großer Begeisterung auf jede Lücke, die Wissenschaftler in der Evolution der Arten oder, wie seit einiger Zeit beliebt, in der Sprachevolution vermeintlich auftun. Das könnte man als einfaches Non Sequitur abtun und ignorieren, ein genauerer Blick lohnt sich aber durchaus.

In diversen ID-affinen Blogs wird seit kurzem eine Studie aus der Science diskutiert, die empirische Belege für ein Sprachwandelmodell gefunden haben will, das auf dem evolutionsbiologischen Ansatz des sogenannten Punctuated Equilibrium fußt. Punctuated Equilibrium beschreibt die Entstehung neuer Spezies durch einen abwechselnd sehr schnellen („punctuated“) und sehr langsamen oder normalen („equilibrium“) Entwicklungsprozeß innerhalb eines Stamms. Auf diese Weise kann aus einer über einen längeren Zeitraum relativ stabilen Spezies innerhalb kurzer Zeit eine neue Spezies entstehen.

Dieses Modell wurde von Dixon (1997) auf die linguistische Disziplin der Sprachwandelforschung übertragen. Letztere beschäftigt sich u.a. mit der Entstehung neuer Sprachen, was schematisch meist am Stammbaummodell dargestellt wird, das seinerseits ebenfalls auf dem entsprechenden evolutionsbiologischen Modell basiert. Mithilfe dieses Werkzeuges lassen sich sowohl Entwicklungsschritte als auch Verwandtchaftsverhältnisse innerhalb einer Sprachfamilie veranschaulichen. Problematisch dabei ist, daß es nur über die zeitliche Achse Aussagen erlaubt, nicht jedoch über die räumliche Achse, also über den für den Sprachwandel enorm wichtigen Sprachkontakt. Weiterlesen